TV-Tipp

„Tödliche Versuchung“ zwischen Stall und SMS

Das ZDF-Drama „Tödliche Versuchung“ des Hamburger Produzenten Uli Aselmann erzählt von einer Affäre, die ein Familiengefüge zerstört. Regisseur Fabrick beweist ein sicheres Gespür für Atmosphäre.

Hamburg . Das Glück ist ein Ding mit Flügeln. Es kommt und geht, wie es ihm gerade passt. Man kann es nicht zum Bleiben zwingen. Erst recht nicht im Fernsehen. Hier dient die heile Welt oft nur als Vorwand, damit der Blitz besonders heftig einschlägt. Bei Helena und Thomas Kettner hat sich das Glück auf den ersten Blick ganz ordentlich eingenistet. Sie haben geheiratet und zwei Kinder bekommen, der Großstadt sind sie Richtung friedliches Landleben entflohen. Wiesen, Wälder, See, soweit das Auge reicht. Die Kartoffeln, die im Kochtopf vor sich hin blubbern, sind selbst angebaut.

Das ZDF hat dem Liebesdrama auf dem platten Land den nichtssagenden Titel „Tödliche Versuchung“ verpasst, der eigentlich mehr ein Platzhalter ist, als dass er eine Aussage über den Filminhalt trifft. Regisseur Johannes Fabrick erzählt von einer Zufallsbegegnung, einer Amour fou, die das Leben einer Familie komplett aus der Bahn wirft. Die schöne Bäuerin Helena verliebt sich bei der Lieferung der Biokiste in den Abonnenten selbiger – den russischen Diplomatensohn David (Vladimir Burlakov), der ein schickes Loft im Münchner Glockenbachviertel bewohnt. Der schnurrt ein paar Komplimente, die geradeaus in Herz und Verstand treffen. Vom ersten gemeinsamen Espresso bis zum Fremdgehen verliert der Film gerade mal zehn Minuten. Es ist die Heftigkeit von Davids Begierde, die Helena letztlich überzeugt. Und die sanft dahinplätschernde Öde der eigenen Lebensumstände.

Irgendwo zwischen der Wurstplatte am Abendbrottisch und dem Schuften an der Saftpresse haben sich Helena und Thomas auseinandergelebt. Ihre Ehe ist eine gut geölte Zweckgemeinschaft, keinesfalls lieblos, aber Leidenschaft sieht anders aus. Der häusliche Sex ist eine Routinetätigkeit, die eher an Teppichklopfen erinnert. Seit David in ihr Leben getreten ist, fühlt sich schon das Schminken für das spätere Übereinander-Herfallen aufregender an, als es ihre Ehe je war. Der Zuschauer muss über keine hellseherischen Fähigkeiten verfügen, um zu ahnen: Ein Doppelleben zwischen Schweinetrog und heimlichen SMS wird nicht lange gut gehen. Und tatsächlich schöpft Thomas bald Verdacht und heftet sich zur nächsten Biokisten-Lieferung an die Fersen seiner Frau.

Marcus Mittermeier und Julia Koschitz geben überzeugend das Paar in den letzten Zügen der Ehe. Sie brauchen keine lauten Gesten, sondern oft nur Blicke, um Verletzungen offenzulegen. Konsequent wirft Regisseur Fabrick seine Helden auf sich selbst zurück. Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Und wann muss man sich eingestehen, dass der Kampf längst verloren ist? Das sind die Fragen, die „Tödliche Versuchung“ aufwirft und ohne überflüssige Abschweifungen verfolgt. „Was passiert mit einem ganz normalen Menschen, wenn er sich durch eine unbedachte Handlung immer tiefer in Schuld verstrickt, wenn ein Fehler andere, weit schrecklichere nach sich zieht?“, sagt Autorin Claudia Kaufmann.

Will man das TV-Drama des Hamburger Produzenten Uli Aselmann filmgeschichtlich verorten, landet man irgendwo zwischen Claude Chabrols Eifersuchtsdrama „Die Hölle“ und dem Hitchcock-Thriller „Bei Anruf Mord“ über den perfekten Mord. Auch wenn „Tödliche Versuchung“ nicht mit dem Genannten konkurrieren kann (auch gar nicht will), macht es große Freude, sich dem Sog des Geschehens zu überlassen. Nicht jede Szene vermag zu überraschen. Doch werden die Figuren permanent von ihren eigenen Reaktionen überrumpelt. Wenn das Wohl der eigenen Familie auf dem Spiel steht, ist der Kontrollverlust eben oft nur ein paar Meter entfernt.

Regisseur Fabrick beweist ein sicheres Gespür für Atmosphäre. Und für Schauspielführung. Besonders sehenswert ist dabei Julia Koschitz als Landmädchen Helena, die Thomas – unbewusst oder kalkuliert — dort packt, wo er am verletzlichsten ist, am männlichen Stolz. Koschitz ist eine Schauspielerin, deren Gesicht man nie vergisst – aber der Name dazu fällt vielen Zuschauern partout nicht ein. Dabei gehört sie mit ihrem eindringlichen Spiel und der Mischung aus weiblichem Schwung und Kumpelhaftigkeit zu den Besten ihrer Generation.

In öffentlich-rechtlichen Fernsehspielen zieht eine Affäre oft eine hübsche kleine Katharsis nach sich; ein paar Umwege, nach denen alles wieder ins Lot gerät. Nicht so in diesem Fall. Manchmal hat das Glück eben keine Flügel, sondern eine hämische Fratze.

„Tödliche Versuchung“, Montag, 20.15 Uhr, ZDF