Weltberühmter Geiger

Auf ein Bier mit Nigel Kennedy im Millerntor-Stadion

Der weltberühmte Geiger spielt am Sonntag in der Laeiszhalle Stücke aus seinem neuen Album „Recital“. Zum Gespräch trifft sich der Musiker allerdings lieber im Millerntor-Stadion.

Hamburg. Nigel Kennedy will dein Kumpel sein, kein unnahbarer Klassik-Heiliger. Er spielt Geige wie ein Meister und sieht aus wie ein Faun. Er zieht sich an wie ein urbaner Landstreicher, und er liebt den Fußball über alles. Jeder, der sich auch nur für fünf Pfennig für Klassik interessiert, hat das inzwischen mitbekommen. Deshalb trinkt man mit Nigel Kennedy beim Interview am besten einfach ein Bier mit. Es ist zwar erst drei Uhr nachmittags, seine Managerin mahnt, ein Mittagessen habe noch nicht stattgefunden. Aber Nigel Kennedy hält vergnügt bereits die zweite Knolle in der Geigerhand, seit der Reporter die Loge von Frank Otto im Millerntor-Stadion betreten hat. Also Cheers, mate.

Bitte unbedingt dort, im Stadion, nicht in irgendeinem doofen Konferenzraum oder einer besseren Hotelsuite, wollte Kennedy seine Interviews im Halbstundentakt geben. Er hat gerade eine neue Platte gemacht, die so heißt wie die Art von Konzert, die Geiger geben, wenn sie kein Orchester hinter sich haben: „Recital“. Am Sonntag tritt er mit dem Programm des Albums in der Laeiszhalle auf.

Der überaus freundliche Carsten Bohn, als Schlagzeuger von Inga Rumpfs Band Frumpy seit den späten 60er-Jahren eine echte Hamburger Rocklegende, steht in der mit ausschließlich weißen Möbeln eingerichteten Loge des Medienunternehmers Otto hinterm Tresen und reicht Getränke und Schnittchen. Eine langjährige Freundin von Nigel Kennedy ist auch da. „Ich war früher mehr als Punk unterwegs“, erzählt sie, und das glaubt man ihr sofort. Irgendwie ist sie nämlich immer noch als Punk unterwegs. Als gesettelter Punk, versteht sich, kann man ja nicht ewig machen. Aber immer noch wild im Herzen und mit Dauerkarte für St. Pauli seit einem halben Menschenleben. Ihren britischen Musikerfreund Nigel, der sich für den Interviewtag heute eine schlimme, gelbe Vliesweste übergezogen hat, eine, deren Anblick man eigentlich nur mit Sonnenbrille aushält, haben sie früher den Punk-Geiger genannt.

Denn er trat die Konventionen im Konzertsaal mit Springerstiefeln, benutzte Kommunikationscodes von der Straße und redete vulgär. Aber das sah man ihm nach, weil er so wunderschön spielte. Kennedy war für manche im etablierten Klassikpublikum wie ein auf die schiefe Bahn geratener Sohn, der mit seinen Klamotten nur davon ablenkte, dass er eines Tages doch Vaters Geschäft übernehmen würde. Zugleich machte er klassische Musik auch in Kreisen akzeptabel, die mit bürgerlicher Kultur keinesfalls etwas am Hut haben wollten.

Das Interview mit Nigel Kennedy ist kurz, und es verläuft ziemlich sprunghaft, was weniger an den zwei Mittagsbier liegt als am Ort des Geschehens. Kennedy ist derart hingerissen vom Stadion des FC St. Pauli, dass er das lose Gespräch über die Klassik, die elektrische Geige, seine Liebe zu Folk und Jazz mehrfach unterbricht, um über das Stadion und den Verein zu reden. „Ich mag den FC St. Pauli lieber als Aston Villa“, sagt er. Man weiß, wie innig er dem britischen Club seit Jahrzehnten die Stange hält. Aber das viele fremde Sponsorengeld hat ihm seinen bisherigen Lieblingsverein zuletzt etwas verleidet. Dass das Millerntor-Stadion so mittendrin liegt in der Stadt, wie von ihr beschützt vor den Geldgeiern des Starfußballs, das macht ihn glücklich wie ein Kind. In England, meint er, wäre es jederzeit vom Abriss bedroht, weil die Stadtväter lieber lukrative Bürobauten da hinsetzen wollten.

Aber wir wollen und sollen ja über Musik reden. Wo ist ihm der Jazz, den er auf seinem „Recital“-Album in seiner heitersten, leichtesten Form feiert, zuerst begegnet? In der Plattensammlung seines Stiefvaters. „Er mochte Swing und Stride“, erzählt Kennedy. Schon mit zehn Jahren improvisierte er vor dem Plattenspieler zu den Aufnahmen des Pianisten Fats Waller. Das Klassik-Gen hat Nigel Kennedy wohl mehr von seinem leiblichen Vater, einem australischen Pianisten, den er erst mit elf Jahren kennenlernte, und von seiner Mutter, die Pianistin war. Weil er als Wunderkind galt, bekam Kennedy auf der Yehudi Menuhin School in England sehr guten Unterricht. Neben Menuhin, dem großen Humanisten der Musik, war der französische Swinggeiger Stephane Grappelli die prägende Figur in Kennedys jungen Jahren. Der habe kaum seinen Namen schreiben können, „aber was für ein Geiger, was für Musiker“, sagt Kennedy. „Recital“ nun ist Nigel Kennedys Verbeugung vor beiden Lehrmeistern, die einander sehr schätzten und gern miteinander Musik machten.

„Top shit“, sagt Nigel Kennedy neuerdings, was in seinem Sprachgebrauch super heißt. Top shit hat „monster“ abgelöst, was er früher zu allem und jedem sagte, was ihm gefiel. Dem Publikum verspricht der Mann mit dem klitzekleinen Tourettesyndrom „the quietest fucking concert“, das er je gegeben hat. Tatsächlich spreizte Kennedy bislang seine Aktivitäten zwischen klassischen Violinkonzerten und Rock-Pop-Jazz-Folk-Mischmasch-Auftritten mit Band, bei denen er die elektrische Violine spielte. Für die „Recital“-Tour lässt Kennedy die E-Geige zu Hause, auch seine Begleiter an Bass, Gitarre und Saxofon spielen akustisch. Alle gemeinsam werden je nach Saalakustik minimal verstärkt. So, wie Kennedys blinkende Äuglein leuchten bei der Aussicht auf die Tour, glaubt man beinahe, der sensible Rebell sei ähnlich von einer wachsenden Sehnsucht nach Stille angefasst wie viele seiner Altersgenossen — Kennedy ist 56 Jahre alt. „Es ist viel intimer, ich muss nicht so auf die Tube drücken“, sagt er. „Wenn ich elektrisch spiele, dann ist das mehr linear wie eine E-Gitarre. Akustisch geht es mehr in die Tiefe, mehr in den Raum.“

Tatsächlich ist „Recital“ das erste Kennedy-Album seit Langem, das ohne spätpubertär anmutende Rockismen auskommt. Stephane Grappelli selig, dieser wunderbar elegant swingende Altmeister aus den Tagen des Hot Club de France, hat in dem Punk-Geiger von einst hörbar seine Spur hinterlassen. Kennedy swingt, er hat Freude beim Spielen, er nimmt es leicht. In Anlehnung an Jacques Loussier gibt es verjazzten Bach und mit „Take Five“ eine Hommage an Dave Brubeck, von dessen Tod Kennedy während der Aufnahmen zu „Recital“ erfuhr. Fats Wallers „I’m Crazy 'Bout My Baby“ gestaltet er mit Witz, gewagt clownesken Glissandi und charmantem Timing. Und wenn, wie im Stück „Out in the Ocean“, auch noch unversehens die Melodik des Irish Folk in den Jazz hineinfließt, läuft man diesem Herzensmusiker im Rattenfänger-Look gern hinterher, bis zu den Türen des nächstgelegenen Konzertsaals.

Nigel Kennedy: Recital, So, 21.4., 20.00 Laeiszhalle, Tickets 47,- bis 84,- unter T. 35 76 66 66