Premiere

Die Ironie ist nicht von Pappe - das Bühnenbild schon

Die geistreiche Dürrenmatt-Komödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ beschert dem Thalia einen Überraschungsknüller – Der Verdienst von Regisseurin Cristine Eder.

Hamburg. Thalia-Intendant Joachim Lux wirkte nach der Premiere des Stückes „Die Ehe des Herrn Mississippi“ von Friedrich Dürrenmatt am Sonnabend wie erlöst. Der Überraschungserfolg der Regisseurin Christine Eder schenkte dem Haus nicht nur einen neuen Theaterknüller, sondern wendete das bislang eher grause Schicksal der Publikums-Spielplanwahl-Tragödie in eine Farce mit Happy End. Aus der umstrittenen Wahl war das Stück vor anderthalb Jahren als Sieger hervorgegangen. Das zweitplatzierte Stück von Thornton Wilder ging vor kurzem auf offener Bühne baden. Doch fortan gilt es, den wiederentdeckten Klassiker zu feiern.

Das ist das Verdienst von Regisseurin Cristine Eder. Mit leichten Modifikationen nur hat sie den Zeitgeist-Staub vom Text gepustet. Dürrenmatt schrieb sein erstes auf deutschen Bühnen erfolgreiches Drama immerhin bereits 1950. Durch dieses behutsame Vorgehen erstrahlt die unverwüstliche doppelte Ironie des Autors – im sich selbst kommentierenden Dramentext – in neuem Glanz. Dazu hat Eder elegant eine eigene ironische Ebene eingebaut, die sich sowohl auf das Zustandekommen der Inszenierung per Wahl beziehen lässt, als auch für sich selbst Bestand hat.

Im ersten Bild des Abends treten die Schauspieler an die Rampe, schminken sich, treten zurück und klappen das Bühnenbild auf. Wie geht das? Ganz einfach. So sieht es zumindest aus, wenn die fünf Protagonisten und das allwissende Dienstmädchen (Christina Geiße) den Raum aus einem Paket entfalten, das auf dem Boden liegend zunächst an ein größeres Campingzelt erinnert. Aufgestellt bildet es ein Pappklapp-Biedermeierzimmer. Die Möbel sind mit weißer Kreide auf den himmelblauen Karton gemalt. Türen und Fenster sind nutzbar in die Pappe oder ganz ausgeschnitten. Sitze, eine Wanduhr und ein Tisch im Raum sind nach dem Prinzip von Umzugskartons stabil. Insgesamt ist das ganze – scheinbar – so wackelig, dass man sich unweigerlich fragt, wie viele Aufführungen das fragile Gebilde wohl überstehen wird. Nicht nur im Raum wird gespielt, sondern auch mit ihm und locker um ihn herum. Sprünge aus dem Fenster, die Truhe als versteckter Ein- und Ausgang und typische Dinner-for-One-Fragen wie „Geht er diesmal durch die Tür oder einfach dran vorbei“ beschleunigen den zügig-heiteren Handlungsverlauf.

In seiner Wackeligkeit spiegelt das geniale Bühnenbild von Jakobus Durstewitz die Frage, die Dürrenmatt auf der Folie eines Court-Room-Dramas verhandelt, wobei sich das Wohnzimmer des Staatsanwalts namens Florestan Mississippi in den Gerichtssaal verwandelt: Wie stabil ist die Gesellschaft auf welcher Basis, was macht den Kern zwischenmenschlicher Beziehungen und Weltbilder aus? Wohin soll es gehen? Das gelingt in dieser Komplexität mit der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs im Nacken in der hohen Zeit des Nachkriegs-Existenzialismus anhand des Abgleichs von Ideologien. Diese treten personifiziert auf. So steht der Staatsanwalt Mississippi (André Szymanski weckt von Beginn an Sympathien) für den unmenschlichen religiösen Fanatiker, der das Gesetz Mose wieder einführen will und bereits sein 350. Todesurteil feiert. Er richtet auch privat hin und heiratet die Mörderin Anastasia zu Sühnezwecken. Sein alter Weggefährte Frédéric René Saint-Claude (Sebastian Zimmler extrem flexibel) leitet als unmenschlicher kommunistischer Funktionär einen Aufstand. Minister Diego (Matthias Leja perfekt aalglatt und asig) ist ein skrupelloser Karrierist. Sympathischer als diese drei scheitern die aus Leidenschaft mordende Anastasia (Cathérine Seifert liebenswert gnadenlos) und ihr alter Freund, der dem Humanismus verpflichtete Arzt Graf Bodo von Übelohe-Zabernsee (Mirco Kreibich erzkomödiantisch). Der Arzt stellt seiner alten Freundin das Gift für ihre Morde, flieht nach Afrika, wo er sich mit dem Aufbau eines Hospitals finanziell und gesundheitlich ruiniert. Zurückgekehrt muss der einzige Freund der Aufrichtigkeit erleben, wie seine Anastasia ihre Liebe leugnet, um wieder einmal ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, beziehungsweise von der Kaffeetasse abzuwenden. Denn wer in diesem Stück Kaffee trinkt, ist verloren. Das führt naturgemäß zu einer umfassenden Kaffeephobie aller Beteiligten. Und zu einem wundervollen Finale, in dem Anastasia nur weiß, dass der Kaffee des Staatsanwalts vergiftet ist und dieser lediglich über den Zusatzstoff in ihrem informiert ist. Sterbend schwören beide je einen Meineid.

Die Frage nach den Werten stellt sich in Zeiten beschleunigten globalen Wandels lodernd aktuell. Frei nach Dürrenmatt in einem Mix aus Humanismus, Rechtsstaat, Verantwortung, Freiheit und ganz viel Coffee to go.

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