Konzerterlebnis leicht unterhalb der Tränenschwelle

Die Hamburger Symphoniker würdigten Richard Strauss

Hamburg. Was Richard Wagner recht ist, sollte Richard Strauss billig sein, sagte sich Jeffrey Tate in britischer Besonnenheit – und ließ der schuldigen Wagner-Weihe, der sich die Hamburger Symphoniker unlängst hingaben, nun eine Strauss-Würdigung folgen. Die eigentlich erst 2014 fällig gewesen wäre: zum 150. Wiegenfest des „Letzten aus dem großen Geschlecht der deutschen Vollblutmusiker“, wie Stephan Zweig den Münchner Sohn eines Hornvirtuosen und einer Bierbrauertochter rühmte. Zum Groll der Nazis ließ sich Strauss 1933 von dem jüdischen Dichter den Text zu seiner komischen Oper „Die schweigsame Frau“ schreiben.

„Wie im Fieber“ hatte Strauss in jungen Jahren die Partiturseiten des „Tristan“ verschlungen. Doch bevor er Wagners musikdramatisches Erbe weiterdachte und die Krise der romantischen Harmonik in seinen Opern „Salome“ und „Elektra“ auf die Spitze trieb, trug er die epische Fackel weiter, die Franz Liszt mit der Idee einer sinfonischen Programmmusik entzündet hatte. Mit seinen zehn Tondichtungen und 15 Opern nebst Instrumentalkonzerten, Liedern und Chorwerken übertrifft Strauss den Monomanen von Bayreuth an Werkzahl und Gattungsvielfalt. Grund genug, die Waagschalen ins Gleichgewicht zu bringen. Wobei das Motto „Schlussszenen“, das die Symphoniker ihrem 8. Symphoniekonzert verpasst hatten, buchstäblich nur auf das mondbeschienene Finale seiner letzten Oper „Capriccio“ zutraf: ein ausgedehnter Monolog, in dem die englische Sopranistin Susan Gritton zur abgeklärten Gräfin aufblühte, die vor ihrem Spiegelbild die alte Streitfrage, ob in der Oper dem Wort oder der Musik der Vorrang gebühre, philosophisch offenlässt.

Die letzten solistischen Horntöne dieser Szene hätten ein Auftrittssignal für Radovan Vlatkovic sein können. Doch der kroatische Götterbote des Ventilhorns hatte sein Paradestück – das zweite Hornkonzert, das Strauss 1942 seinem Vater „nachsandte“ – schon vor der Konzertpause mit betörendem Ton und stupender Lippen- und Zungentechnik abgeliefert.

„Tod und Verklärung“ eines Künstlers sind der Erzählstoff, aus dem der 24-jährige Strauss 1888 in Weimar die gleichnamige Sinfonische Dichtung formte. Die beinah klinische Realistik des Sterbens und die pathetische Überhöhung der seelischen Himmelfahrt des Künstlers hielt Tate leicht unterhalb der Tränenschwelle. Kurz und schmerzlos hatte der Abend mit dem Vorspiel zur Oper „Die schweigsame Frau“ begonnen, in dem Strauss vor allem Themen aus der Scheidungskomödie des dritten Akts verarbeitet.