Förderpreis

Die alte Frage: Was ist gute Musik?

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Birgit Reuther

Schauspieler/Sänger Robert Stadlober und Labelbetreiber Arne Ghosh entscheiden als Mitglieder der "Krach und Getöse"-Jury über Hit oder Niete.

Hamburg. Was ist gute Musik? Über diese (Geschmacks-)Frage haben sich bereits Scharen von Popkritikern, Rockliebhabern, Konzertgängern, Daheim- und Mobil-Hörern, Plattenladen-Stöberern und Internet-Abcheckern die Köpfe zerbrochen und heißgeredet. Doch wie bewerten jene den Sound einer Band, die den künstlerischen Weg durch ihr Urteil mit prägen können?

"Ich denke, dass es zwei verschiedene Herangehensweisen an Musik gibt", sagt Robert Stadlober. Er trägt einen dunklen Anzug, seinen Hut hat er auf den nierenförmigen Tisch im Saal 2 abgelegt, sodass sein struppiges, rot-blondes Haar zum Vorschein kommt. Ein mondäner Punk. Vielen ist der 30-Jährige als Schauspieler bekannt, mit seiner Band Gary spielt er jedoch charmanten Indiepop und betreibt zudem das Plattenlabel Siluh Records. "Es gibt einmal die Leute, die - wie ich - ihre komplette Sozialisation auf Popkultur aufbauen und in ihrem Leben einen sehr direkten Bezug zu Musik haben", führt Stadlober weiter aus. Und dann gebe es diejenigen, die Musik eher "sportlich" sehen, die bestimmten Schemata gerecht werden wollen.

Arne Ghosh, der neben ihm in dem Schanzencafé sitzt, hört Stadlober ruhig zu, streicht sich über seinen dunklen Vollbart und sagt dann: "Es lässt sich beim Hören relativ zügig herausfinden, ob jemand nur versucht, alles richtig zu machen, oder ob jemand - am besten ohne viel nachzudenken - eine originelle Kunstform ausdrücken möchte."

Wie Stadlober kennt auch Ghosh das Musikgeschäft auf mehreren Ebenen. Er betreibt die Hamburger Dependance der Firma 380grad, in der er sich zusammen mit seinem Kompagnon Sven Hasenjäger um das Musikmanagement für Acts wie Boy, Agnes Obel und Fotos kümmert. Zudem baute der 40-Jährige in Altona den Studiokomplex Zwischengeschoss auf und spielt selbst diverse Instrumente.

Gemeinsam mit den Musikern Cäthe, Nico Suave, Sascha Eigner von Jupiter Jones und Sophia Poppensieker von Tonbandgerät sowie mit dem Songschreiber und Produzenten Stefan Knoess gehören Stadlober und Ghosh zur diesjährigen Jury von "Krach und Getöse". Der Verein RockCity lobt den Förderpreis, der von der Haspa-Musik-Stiftung ermöglicht wird, in diesem Jahr zum fünften Mal aus. Acts wie Estuar, Pool und Fuck Art, Let's Dance! zählen zu den bisherigen Gewinnern. Bis zum 8. April können sich Solokünstler und Bands aus Hamburg und Umgebung jetzt bewerben. Die fünf Gewinner erhalten ein Coaching von Branchenprofis sowie die Option auf Clubkonzerte, Festivalauftritte und Studioaufnahmen. Doch vorab hört sich die Jury durch Dutzende von Songs der Anwärter. Wie funktioniert bei einer solchen Fülle die Auswahl?

"Ich habe lieber eine verrauschte Vier-Spur-Aufnahme aus dem Proberaum, wo man Songs raushört, als etwas, das wahnsinnig auf den Punkt produziert ist, aber trotzdem nicht zündet", sagt Stadlober. Ghosh stimmt ihm zu: Mit Computertechnik für ein paar Hundert Euro sei es mittlerweile wahnsinnig leicht geworden, "amtliche Musik aufzunehmen". Wobei Ghosh den Begriff "amtlich" flugs als Unwort tituliert. Da schwingt zu viel Muckertum mit, ein Hang zum Perfektionistischen.

"Hierzulande hat sich der Gedanke eingeschlichen, dass man Popkultur erlernen kann", sagt er. Etwa an der Popakademie in Mannheim. "Böse gesagt ist das auch ein bisschen deutsch: Ich mach das jetzt nach Schema F und arbeite meine To-do-Listen ab", meint Ghosh. Aber derart rational funktioniere Kunst nun mal nicht. "Mich berührt eher Musik, die aus Chaos und Isolation entstanden ist." Auch Stadlober ist davon überzeugt, dass innovative Musik und Trends eher aus Versehen erfunden werden. Wenn etwa "Leute einfach bei sich im Keller oder im Schlafzimmer rumdaddeln und bei drei Flaschen Bier mal versuchen, ein Lied zu schreiben."

Vor allem zu Beginn richten Bands ihr Spiel häufig an Vorbildern aus. Stadlober sieht darin nichts Falsches, solange das popkulturelle Wissen Ausgangspunkt für eigenständiges Schaffen ist. "Wenn sich jemand traut, mithilfe der Einflüsse dann auch inneren Stimmen zu folgen und bei sich zu bleiben, kann Neues entstehen", sagt Ghosh.

Eine weitere Ebene, die bei der Bewertung ins Gewicht fällt, ist die sprachliche. Kann ein falsches Wort bereits ein Ausschlusskriterium für eine Band sein? "Texte können alles kaputt machen. Allein schon wenn ein Begriff wie ,geil' in einem schlechten Zusammenhang vorkommt, kann ich eine Platte nicht mehr anhören", sagt Stadlober vehement.

"Was deutschsprachige Musik angeht, ist Blumfeld für mich die Messlatte in Sachen Textqualität", erzählt Ghosh. In den Nullerjahren sei durch weitere Bands wie Wir sind Helden eine Art Feinschliff passiert, der das lyrische Niveau im Deutschpop deutlich angehoben habe. Wobei sich Stadlober und Ghosh einig sind, dass die Verse durchaus simpel sein dürfen. Hauptsache, es werde eine "Poesie hergestellt", wie Stadlober es formuliert, die mehr beinhaltet, als dass es allen gut geht und man Hand in Hand über eine Blumenwiese läuft.

Wie Musik in ihrer jeweiligen Entstehungszeit verankert ist, kann ein weiteres Qualitätsmerkmal sein. Auch innerhalb des Werks einer Band. Viele Fans würden sich etwa wünschen, dass Tocotronic noch mal ein Album macht, das wie ihre ersten Platten Mitte der 90er klingt, meint Stadlober. "Aber man kann von Leuten Anfang 40 nicht verlangen, dass die immer noch gegen Freiburg singen!"

Zahlreiche Beispiele in der Popkultur künden auch davon, wie Entscheider Talente verkannt haben. 1962 etwa waren die Manager der Plattenfirma Decca in London der Ansicht, dass Gitarrenbands bald aus der Mode kämen, und lehnten daher die bei ihnen vorspielende Gruppe The Beatles ab. Ein Urteil, das sie bereut haben dürften.

Vor allem bei Alben, die als "Grower" bezeichnet werden, deren Brillanz also erst nach mehrfachem Hören wächst, kann es zu Fehleinschätzungen kommen, wenn sie zu früh beiseitegelegt werden. Allerdings, so räumt Stadlober ein: "Ich weiß gar nicht, ob es für 15-, 16-Jährige heute noch Grower gibt, weil die auf ganz andere Art Musik konsumieren." Da wird dann eher ein einzelner Song als YouTube-Clip betrachtet oder heruntergeladen.

Was die beiden Experten gewiss zu fairen Juroren macht, ist die Tatsache, dass sie "gute Musik" nicht bloß in ihrem eigenen Geschmacksrahmen suchen. Ein gut produzierter Pophit, etwa von Rihanna, funktioniere für ihn nach den gleichen Prinzipien wie ein Lieblingssong aus dem Indie-Bereich, erklärt Stadlober. "Das Lied muss originell, die Hookline gut sein, und am Ende muss mir das mehr geben als so ein Dieter-Bohlen-,DSDS'-Kram."

Krach und Getöse: Bewerbungsschluss für den Musikerpreis von RockCity ist der 8.4.; Infos: www.krachundgetoese.de