Symphoniker huldigen Wagner

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Lutz Lesle

Unter der Leitung von Jeffrey Tate spielte das Orchester Passagen aus dem "Parsifal" und ein Oratorium von Edward Elgar

Hamburg. Wer dazu neigt, bei Wagners weitschweifigen Opernmonologen einzunicken, wen der Aufzug der Leitmotive, von Debussy als "Adressbuch der Götter" bespöttelt, eher verwirrt als betört, dem kommen die halben Wagnerabende der Hamburger Symphoniker gerade recht. Vor Jahresfrist töpferte Jeffrey Tate - um sein Bild zu gebrauchen - in der Laeiszhalle Orchesterklänge und Gesangsszenen aus der "Götterdämmerung", denen Deborah Voigt als Brünhilde den nötigen Heroinenglanz verlieh. Als göttliches Beiwerk wählte Tate damals Strawinskys Ballettmusik "Apollon musagète" (auf CD und DVD erhältlich unter dem Titel "Divine", ES 2044).

Am Sonntagabend huldigten die Symphoniker unter Jeffrey Tate dem Jubilar abermals, nun mit Orchestermusik aus dessen Opus ultimum, dem Bühnenweihfestspiel "Parsifal". Zur Einstimmung bot sich am Abend zuvor die rare Gelegenheit, das Musikdrama unter Christian Thielemann in vierstündiger Originallänge auf 3Sat live aus Salzburg zu empfangen. Wem mehr an der Musik gelegen ist als den Fantasien, die sich Regisseure von ihr machen, wen zudem die schlechte Tonqualität der TV-Kanäle nervt, der war am Palmsonntag in der Musikhalle bei Tate und seinen Symphonikern bestens aufgehoben.

Lenkt der kritische Wagner-Kenner, dessen sparsame Dynamik mit der rituellen Gemessenheit des "Parsifal" gänzlich im Einklang steht, das Ohr doch unmittelbar auf die musikalische Poesie, die für Wagner wie für Schumann und den Dichter-Musiker Hoffmann das Wesen der Tonkunst ausmachte. Bevor Tate - von Klarinette, Fagott, vier Solostreichern nebst Englischhorn angestimmt - die Prozession des Abendmahlsmotivs, des Gralsmotivs mit dem "Dresdner Amen" und dem hörnerstrahlenden Glaubensmotiv in Bewegung setzte, musste das Publikum ganz unerwartet der quälend langen Verwandlung eines riesigen Augapfels in das scheinbare Selbstporträt des jungen Albrecht Dürer beiwohnen - einer sogenannten Video-Installation, die der freischaffende Berliner Filmemacher Aron Kitzig über eine regenverwischte Projektionsfläche laufen ließ, hinter der Orchester und Dirigent im Dunkeln des erlösenden Augenblicks harrten, da die Flimmerfläche den starrgesichtigen Narziss verschlucken würde. Neun Bildminuten, in denen mancher lieber die Verwandlungsmusik aus dem ersten Aufzug gehört hätte.

Umso inniger widmeten sich die Symphoniker später dem betörenden "Karfreitagszauber", in den "des Sünders Reuetränen" einflossen.

Zum Nachbarn Wagners im Programm hatte Tate diesmal seinen Landsmann Edward Elgar erkoren. Aus gutem Grund, pilgerte dieser doch anno 1892 nach Bayreuth, um dem "Parsifal" gleich zweimal zu lauschen. Ein Erlebnis, das in drei seiner Oratorien Spuren hinterließ und noch in den Symphonien nachklingt. Die monumentale Zweite von 1911, vom Komponisten als "leidenschaftliche Pilgerfahrt einer Seele" bezeichnet, bildete den zweiten Programmblock des Abends - ein viktorianisches Wechselbad der Gefühle. "Rarely, rarely comest thou, Spirit of Delight" (Selten stellst du dich ein, Freudenstimmung), schrieb Elgar vorn in die Partitur - ein lyrischer Seufzer des Romantikers Percy Shelley, der nicht nur die trauermarschartige Mahler-Sphäre des langsamen Satzes betrifft, sondern auch das albtraumhafte Rondo.

Im Finale sorgte Jeffrey Tate nicht nur für enorme dynamische Fallhöhen. Auch Bezüge zu Wagners Oper "Die Meistersinger" wurden erahnbar. Am Ende Riesenbeifall.

Und Dankesblumen für den langjährigen Konzertmeister Stefan Czermak, der Ostern in Rente geht.

Konzertwiederholung Di, 19.30