Auf der Suche nach dem Ich

Das Festival "Fokus Frankreich" zeigte ein breit gefächertes Schlaglicht auf unsere Nachbarn

Hamburg. Mit drei extrem unterschiedlichen Performances ist das Festival "Fokus Frankreich: Das Andere in uns - L'Autre en soi" auf Kampnagel zu Ende gegangen. Holte sich Laurent Chétouane für sein pathetisch schlaffes Freundschaftsduo "M!M" vergeblich gedankliche Struktur und Stütze bei Derrida, so bediente sich das Duo Gintersdorfer/Klaßen in seinem offenen Psycho-Experiment "Die Bühne ist mein Wald" der Spiegeltheorie Lacans und Freuds "Totem und Tabu"-Essays von 1913.

Darin diagnostiziert der Couch-Papa "Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker". Von der Allmacht der Gedanken in der narzisstischen Phase des Kindes reden beide Psychoanalytiker. Der Performer Franck Edmond Yao wälzt sich plakativ auf dem Boden, ringt mit seinem Abbild beim Suchen nach dem "Ich". Dessen Ganzheit beschwor er zuvor selbstbewusst in Rap-Manier ("Ich bin gut, good, bon - gut - gut - gut!") so ironisch wie überzeugend. Entertainer Yao ist das einsame Glanzlicht von fünf Viertelstunden psychologischen Geschwafels und Getaumels im Raum.

Die Freud-Kritik aus der Sicht des betroffenen "Primitiven" aus einem "animistischen Kulturkreis" wäre interessant gewesen, doch sie wird verschenkt. Gintersdorfer/Klaßen sind ihrer eigenen Ambition hier offenbar (noch) nicht gewachsen.

Mit dem Aufgehen des Individuums in der Gruppe und der Frage, wie sich Harmonie herstellen lässt bei einer Vielzahl von persönlichen Handschriften, das untersucht dagegen auf wundervolle Weise Mickael Phelippeau in seinem Werk "Chorus". Die 24 Sängerinnen und Sänger des semi-professionellen Chores Vox Humaines lässt er Bachs Choral "Nicht so traurig, nicht so sehr" mehrmals anstimmen und konfrontiert sie dabei immer neu mit dem Raum und den Bewegungen der Mitsänger. Mal singen sie in doppelter Geschwindigkeit, mal zeitversetzt, mal gruppieren sie sich zu einem expressiv rot ausgeleuchteten Gemälde. Das führt zu rührenden und auch sehr komischen Momenten. Die Erkenntnis des gelungenen Experimentes: "Musik ist eine Kunst der Bewegung."

Harter Tobak ist dann das, was Frankreichs Enfant Terrible Jean-Louis Costes in "La sorcière et les mort" zu später Stunde im Club veranstaltet. Abwechselnd lässt er Oma, Mama und eine Katze als Pappmaché-Figuren Hasstiraden brüllen wie "Ich ficke die Vergangenheit mit einem Mercedes Benz". Entblößt sich, hantiert mit vermeintlichen Fäkalien und lässt Zahnpasta aus einem Kunstglied spritzen.

Nicht immer ist hinter dieser wohl pathologisch zu nennenden porno-sozialen Trash-Oper die Kritik an den Medien- und Geschlechterverhältnissen sogleich zu erkennen. Diese Performance ist aber nur eine Facette eines Festivals, das ein erfreulich breit gefächertes Schlaglicht auf unsere französischen Nachbarn wirft.