Lieber nicht zu deutsch

Bei den Echos 2013 feiert sich die einheimische Popbranche mit Moderatorin Helene Fischer. Auch Carla Bruni singt

Wenn der linke Liedermacher Hannes Wader heute Abend bei der 22. Echo-Verleihung in Berlin den Preis für sein Lebenswerk bekommt, dann hat das durchaus eine ironische Note. Man stelle sich vor, nach Wader beträte tatsächlich Frei.Wild die Bühne! Das wäre wohl mindestens absurd. Dazu wird es nicht kommen, weil Frei.Wild nicht da sein werden.

Sagen wir mal so: Publicity kann der Echo immer gut gebrauchen, er hat es nötig. Weshalb die unfreiwillige (?) Presse im Zuge der Ein- und Ausladung der rechtsschaffenden und von Kritikern als "ultranationalistisch" gebrandmarkten Südtiroler Rockgruppe Frei.Wild viel Gutes hatte. Dass die kontroverse Band an der hiesigen und erstmals 1992 ausgerichteten Pop-Gala nicht teilnimmt, ist übrigens vollkommen richtig - ihre Musik ist dumpf, ihr Publikum womöglich auch.

Wer weiß, was heute Abend im Palais am Funkturm los gewesen wäre, wenn Frei.Wild in der Kategorie "Rock/Alternative National" sogar gewonnen hätte - Musikerkollegen, die den Saal verlassen, Pfiffe aus den Label-Chefetagen? Möglich ist das, als ausgeschlossen darf allerdings gelten, dass sich Moderatorin Helene Fischer einem der Südtiroler mit romantischen Absichten genähert hätte. Das gab es ja alles schon, wir erinnern uns noch gut an den Echo 2012, als Barbara Schöneberger und Ina Müller einen Zungenkuss aufführten.

Das war natürlich albern, warf aber ein wahrscheinlich sogar ironisch gemeintes Schlaglicht auf ein Grundproblem des Echos: Er soll die deutsche Antwort auf die amerikanischen Grammys und MTV Awards sowie die englischen Brit Awards sein. Letztere waren es, die hinsichtlich des feuchten Engkontakts von dem deutschen Fräuleindoppel Schöneberger/Müller zitiert wurden; der Kuss kopierte den von Madonna und Britney Spears von 2003.

Also alles nur deutsche Pop-Provinz? Auf die Idee kann man schon kommen, so wenig originell sie auch sein mag. Nominiert in diesem Jahr sind in insgesamt 22 Kategorien Künstler wie Die Ärzte, Die Toten Hosen, Matthias Reim, Bushido, Cro, Joe Cocker und Bruce Springsteen, Lana Del Rey und Of Monsters And Men.

Wenig Überraschendes also, was an dem strikt an den Verkaufserfolgen orientierten Nominierungsmodell liegt. Wirklich interessant erscheint da nur der Kritikerpreis, für den 2013 Deichkind, Kid Kopphausen, Kraftklub, Sizarr und Die Türen vorgeschlagen wurden. Die deutsche Pop-Geschichte des Jahres lässt sich wohl ganz einfach auf den Namen "Heino" reduzieren.

Mit seinem Cover-Album "Mit freundlichen Grüßen" geht er nun tatsächlich in der Kategorie "Künstler Rock/Pop National" ins Rennen. Die Sparten Schlager und Volkstümliche Musik dürfen diesmal ohne den Nationalbarden auskommen. Wobei sich die Deutsche Phono-Akademie, die den Echo veranstaltet, an der Kategorie des Nationalen immer auch ein Stückweit abgearbeitet hat.

Anders als im Nachbarland Frankreich gab es hierzulande nie staatlich verordnete Quoten, die einheimisches Liedgut im Radio schützten. Die Weltsprache des Pop ist Englisch, und Grenzen kennt Musik tatsächlich nicht - weshalb sich der Echo immer schon nach Kräften mit den internationalen Superstars zu schmücken gedachte.

In diesem Jahr treten in Berlin Depeche Mode, Hurts, Carla Bruni und David Garrett auf. Geiger Garrett (eigentlich: David Christian Bongartz) ist gebürtiger Aachener, trägt aber immerhin einen englischen Namen, ein echter Coup ist dagegen das Engagement Carla Brunis. Frankreichs First Lady a. D. hat eine neue Platte ("Little French Songs") aufgenommen und stellt daraus einen Song vor. Der Ehrgeiz der Veranstalter ging noch weiter: Sie sollen, so hört man, bei Superstar Robbie Williams angefragt haben, ob er sich vorstellen könne, den Echo zusammen mit der Schlagersängerin Helene Fischer zu moderieren.

"Echo 2013" heute, 20.15 Uhr, ARD