Könige im eigenen Universum

"Delta Machine" heißt das neue Album von Depeche Mode. Die Band zelebriert ihren Elektroblues darauf wieder auf grandiose Weise

Seit 20 Jahren folgen Depeche Mode ihrem Vierjahresplan. Sie sind die Planwirtschaftler des Musikgeschäfts. Nach jedem Album gehen sie ein Jahr lang auf Konzertreise, gönnen sich anschließend ein Sabbatjahr, bereiten sich, jeder für sich, ein Jahr lang auf ihr neues Album vor und nehmen ihre Platte dann ein Jahr lang auf, mehr oder weniger gemeinsam. Mehr kann man von keiner Band verlangen, die seit 33 Jahren existiert.

Man muss dabei auch nie befürchten, dass sich Martin Gore, Dave Gahan und ihr Mediator Andy Fletcher musikalisch neu erfinden. Ihr Elektroblues ist seit 1993, seit "Songs Of Faith And Devotion", ihr Markenklang. Der Titel des neuen Albums "Delta Machine" sorgte in Fanforen schon für rege Diskussionen, als davon noch gar kein Ton zu hören war. Nachdem nun alle dreizehn Stücke im Internet zu streamen sind, lösen sich alle Rätsel um den Titel. Ein Song wie "Slow" verrät in seiner schwülen Bluesanmutung, den Altherrenfantasien und getragenen Gitarren, wo ihn Martin Gore dringend verortet haben möchte: tief im Süden Nordamerikas, im Mississippi-Delta. Aber auch seine Musikmaschinen funktionieren noch, die modularen Synthesizer und die Soundmodule. Depeche Mode benennen ihre Platte heute einfach nach ihrer Musik, die sie schon ewig pflegen.

"Delta Machine" begrüßt einen mit "Welcome To My World". In der Welt von Gore und Gahan sind die Engel flügellahm, der Teufel wird mit Inbrunst ausgetrieben, und die Träume bluten. Bass und Beat sind eins, ein aus dem Takt geratener Herzschlag mit beunruhigenden Störgeräuschen aus den angeschlossenen Gerätschaften. Was Blueskünstlern während der Großen Depression verzogene Klaviere und verstimmte Banjos waren, sind für Depeche Mode heute kaputt klingende Filter. Synthesizer, die sich anhören als wäre Schlamm in ihre Schaltkreise geraten. Allerorten knurrzt und kriekst es. Martin Gore wirkt heute rettungslos beseelt von der Idee einer verwandten Klangästhetik, einer geistigen Verbindung zwischen Deltablues und Maschinenmusik. "Ich liebe die harmonische Synthese aus Organischem und Anorganischem", erklärt er feierlich.

Da kommen einem Depeche Mode tatsächlich vor wie Männer um die 50, die seit dem 20. Jahrhundert diesen Technoblues spielen und jetzt erst merken, was sie da Tolles erfunden haben: Menschen und Maschinen! Echt und künstlich! Warm und kalt! Was für ein Wahnsinn! Als hätten sie Kraftwerks Klassiker "Die Mensch-Maschine" nie gehört. Als wüssten sie nicht selbst am besten, dass nichts anrührender und romantischer wirkt als ein trauriger Roboter. Dabei ist "Delta Machine" an sich natürlich wieder ein grandioses Album.

Depeche Mode waren in ihrem eigenen Werk schon immer besser aufgehoben als in der Musikgeschichte. Da setzt Martin Gore aus ein paar Klangkästen "My Little Universe" zusammen, und Dave Gahan macht aus der bescheidenen Ballade einen viereinhalbminütigen Triumphgesang. In meinem Universum, singt er, bin ich König. Die Musik von Depeche Mode lebt nach wie vor mehr von der inneren Spannung und von der Symbiose ihrer Gründer als von ihrer musikalischen Synthese.

Depeche Mode sind nicht nur die verlässlichsten. Im heutigen Musikgeschäft ist keine Band allgegenwärtiger, dies ist das wahre Wunder: Sie sind immer da. Auch wenn sie gerade nirgends auftreten und nichts veröffentlichen, sind sie da. In jeder deutschen Kleinstadt kleben Zettel an Laternenmasten, Bauzäunen und Häuserwänden, die in irgendwelche Großraumdiskos zu Depeche-Mode-Partys einladen. Um die Zeiten zwischen den geregelten Comebacks zu füllen und um die Comebacks zu feiern.

"Music For The Masses" heißt ein Klassiker von Depeche Mode, Musik für die einsame Masse. Jetzt kommen erst einmal die Stadionmessen, in vier Jahren gibt es dann wieder ein schönes neues Album.

Depeche Mode: "Delta Machine" (Sony, erscheint Freitag)