Annäherungen an einen Mythos

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Heinrich Oehmsen

Theatermacher Robert Wilson und Kunstsammler Harald Falckenberg im Gespräch über William S. Burroughs, der auch den Text für "Black Rider" am Thalia schrieb

Hamburg. Seine Haare sind weiß geworden, sein Anzug sitzt immer noch so lässig wie eh und je. Und in Plauderlaune ist Robert Wilson auch. Zusammen mit Harald Falckenberg thront er auf einem Podium in den Deichtorhallen. Thema des Gesprächs zwischen dem Theaterregisseur und dem Kunstsammler: William S. Burroughs.

Am vergangenen Freitag hat Falckenberg eine umfassende Werkschau des Schriftstellers und Künstlers eröffnet, zwei Tage später will er mit Wilson über die Zeit sprechen, als Burroughs seinen Teil zu einem Stück Hamburger Theatergeschichte beigetragen hat. Im März 1990 wurde "The Black Rider" am Thalia Theater uraufgeführt. Die Regie hatte Wilson, die Musik schrieb Tom Waits, das Libretto verfasste Burroughs. Doch bevor es zu der gefeierten Premiere kam, musste Burroughs erst von der Mitarbeit überzeugt werden. Keine einfache Aufgabe.

Zeitsprung ins New York des Jahres 1989. Wilson sucht einen Librettisten für sein Stück, das auf der mittelalterlichen Sage des "Freischütz" basieren soll. "Burroughs ist dein Mann", habe sein Freund Allen Ginsberg ihm vorgeschlagen. Doch Wilson habe nicht daran geglaubt, dass Burroughs diese Aufgabe übernehmen werde. Zu groß seien die Parallelen zwischen der Sage um die sieben magischen Kugeln und Burroughs' persönlicher Tragödie gewesen. Der Schriftsteller und Mitbegründer der Beatgeneration hatte seine Frau Joan Vollmer 1951 bei Wilhelm-Tell-Spielchen erschossen. Aus Versehen und vollgedröhnt mit Alkohol.

Wilson versuchte sein Glück und reiste mit dem damaligen Thalia-Dramaturgen Wolfgang Wiens nach Kansas, wo Burroughs seit einigen Jahren zurückgezogen lebte. Die Begrüßung an seine Gäste fiel ungewöhnlich aus: "Lasst uns erst mal schießen gehen", habe der als Waffennarr bekannte Künstler seinen Besuch aufgefordert. Geeinigt habe man sich später über die Zusammenarbeit. Wilson erinnert sich genau an die Szene und ahmt Burroughs' breiten Südstaatenakzent nach: "I guess I'm your guy", übersetzt "Ich glaube, ich bin dein Mann". Burroughs habe damals Hunderte von Seiten für das Libretto geschrieben und Wilson und Wiens die freie Auswahl an diesen Textmassen zugestanden. "Diese totale Freiheit, die er uns gegeben hat, war ungewöhnlich", sagt Wilson. Es sei so viel Material vorhanden gewesen, dass er daraufhin ein weiteres Projekt mit dem Titel "Paradise Lost" konzipiert habe, das aber nie zustande gekommen sei. Auch Tom Waits habe sich von Burroughs' Ideen inspirieren lassen. Die Zeile "We have a gay old time" aus dem Titelsong "The Black Rider" stamme von ihm, verriet Wilson.

Nicht nur Wilson, auch Harald Falckenberg kann bei diesem manchmal etwas unstrukturierten Gespräch eine Menge an Anekdoten über Burroughs beisteuern wie zum Beispiel dessen Ablehnung der friedlichen Flower-Power-Bewegung in den 60er-Jahren. Zu Blumen und Hippies sei Burroughs folgender Satz eingefallen: "Ich kenne nur eine gute Methode, einem Bullen Blumen zu überreichen. Im Blumentopf und aus einem möglichst hoch gelegenen Fenster." Auch von der Punk-Bewegung, die sich um den New Yorker Club CBGB formiert hatte und die Burroughs als Paten auserkoren hatte, wollte er nichts wissen: "Ich mag keinen Punk", war sein lapidares Statement. Die Rolle von Burroughs in New York fasst Wilson so zusammen: "Er war ein Außenseiter und beinahe unsichtbar. So wurde er zum Mythos." Nach dem Gespräch geht es nach Berlin. Dort inszeniert Wilson am Berliner Ensemble "Peter Pan".