Hamburger Kammerspiele

"Wir lieben und wissen nichts" - Szenen zweier Ehen

| Lesedauer: 6 Minuten
Maike Schiller

Moritz Rinkes neues Stück "Wir lieben und wissen nichts" legt an den Kammerspielen pointiert die Schwierigkeiten des Paar-Daseins offen.

Hamburg. Der Titel ist einer, den man sich merken sollte. Was andererseits gar nicht so leicht fällt: Wir lieben uns und wissen es nicht? Wir wissen viel und lieben wenig? Wer liebt, weiß nichts? Wer weiß schon, wen er liebt und ob überhaupt? Na ja, so ähnlich. Es ist halt nicht so einfach mit der Liebe und dem Wissen darum und dem Formulieren derselben, auch das ist eine ewige Wahrheit, die der Zuschauer aus Moritz Rinkes neuem Stück "Wir lieben und wissen nichts" mitnimmt. Und die nicht ganz unheikle Frage "Kann man zusammenbleiben, wenn man sich die Wahrheit sagt?" Das sind so Überlegungen, die manch einer vorsichtshalber laut weglacht in den reichlich vorhandenen Sitcom-Momenten dieser von Rinke gewitzt und geschmeidig geschriebenen Beziehungskomödie, die an den Kammerspielen erfolgreich ihre Hamburger Erstaufführung feierte.

Bisweilen scheint es, als ob ein Dramatiker sich - frei nach Edward Albee oder Yasmina Reza - einfach nur zwei Paare vornehmen und sie auf der Bühne wie in einer kontrollierten Laborsituation einander aussetzen muss, um ein vielversprechendes und bestimmt auch lustiges Boulevardstück daraus zu basteln. Ganz falsch ist das vielleicht nicht, so einfach allerdings erst recht nicht.

Man muss schon Dialoge wie Moritz Rinke schreiben können, muss gut beobachten, die bürgerlichen Fassaden und Codes der irgendwie durchgentrifizierten Akademikerpärchen erkennen und freilegen können, und dabei stets die Balance halten aus schneller Pointe und fast tschechowschem Abgrund darunter. Dann hat man alle Liebhaber von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" oder "Gott des Gemetzels" auf seiner Seite, die natürlich auch in Ulrike Maacks unterhaltsame Inszenierung von "Wir lieben und wissen nichts" pilgern werden. (Schon, um hinterher beim Wein kultiviert und kenntnisreich und am besten gemeinsam mit einem anderen Paar über die Konstellationen im Stück und bloß nicht über etwaige Parallelen zum eigenen Beziehungsleben zu parlieren.)

Seine Paare Sebastian und Hannah sowie Roman und Magdalena lässt Rinke ebenfalls wortreich und mit viel Zuneigung zur angewandten Ironie aneinander vorbeireden. Weil Hannah gestressten Schweizer Bankern (ausgerechnet!) entspannteres Atmen beibringen soll, wollen sie und ihr Freund Sebastian die eigene Wohnung tauschen, mit der Zürcher Bude von Roman, einem verklemmten Technik-Freak mit schwarzem Schnauzer, und Magdalena, seinem netten, blonden und hoffnungslos vernachlässigten Weibchen. Hannah könnte beim gehetzten letzten Packen selbst gut ein paar Atemübungen vertragen, während Sebastian ("Ich bin die Seele dieser Wohnung!") sich in seinem Lieblingssessel selbst leidtut und, so viel Pathos muss sein, lieber in der Abstellkammer hausen möchte als ins dekadente Zürich "umgesiedelt" zu werden. Das Ungleichgewicht dieser Konstellation wird schnell deutlich. Er erforscht ausgestorbene Völker und will über Rausch und Ekstase schreiben, sie hat die Fruchtbarkeits-App auf dem Smartphone und bringt das Geld nach Hause.

Wahrscheinlich ist der erste Schlagabtausch zwischen Hannah und Sebastian auch deshalb der stärkste des Stücks, weil die Rolle des Sebastian die am dichtesten gezeichnete ist. Dieser Charakter, so scheint es, ist dem Autor der liebste. Stephan Kampwirth setzt den an der Welt verzweifelnden und leider nicht ertragreichen Bücherwurm, bei dem es nur für wissenschaftliche Vorworte reicht, so brillant und glaubwürdig in Szene, dass er auch über einen kleinen Texthänger nonchalant hinwegspielt. Er hat Tempo, ein sehr gutes Gefühl für das richtige Timing und gibt einen geradezu herzerfrischenden Pessimisten ("Nehm ich Nietzsche mit oder nicht?").

Katharina Wackernagel als seine toughe Freundin Hannah meistert ihr Bühnendebüt souverän. Allein, warum sie sich nicht nur ihrem Sebastian vor die Füße wirft, sondern sofort auch mit dem Besuch anbändelt und offenbar außerdem eine weitere Affäre hat aufleben lassen, wird nicht ganz deutlich.

Roman und Magdalena sind ebenfalls ein eingespieltes Pärchen, und nicht im besten Sinne dieser Formulierung. Er interessiert sich hauptsächlich für einen bevorstehenden Raketenstart und seine Internetverbindung ("Möchten Sie Obst?" - "Obst?! Nein danke, ich möchte das Benutzerkennwort!") und schleppt genervt ein Gerät zur Cellulitis-Vereisung in das geborgte Wohnzimmer. Auch Roman wäre ein bedürftiger Kandidat für Hannahs Atem-Zen, derweil die brave Tiertherapeutin Magdalena lieber den Champagnervorrat wegsüffelt und sich mit Sebastian hingebungsvoll über den Vornamen "Ulrich" austauscht.

Wanja Mues gibt seinem Roman eine angespannte Verkniffenheit und darf den herrlich gemeinen Satz "Solange wir nicht reden, trennen wir uns nicht, das ist doch auch schön!" sagen. Karoline Eichhorn lässt als Magdalena Nuancen und Zwischentöne zu und steigert sich mit zunehmendem Alkoholkonsum aufs Allerfeinste zur Eskalation.

Es wird immer hysterischer, die Männer haben - jeder auf seine Art - Probleme, zum Abschuss zu kommen. Das Ganze ist eine hübsche Allegorie auf den Zeitgeist und die seltsam flexiblen Paar- und Jobverhältnisse der Gegenwart, auch wenn es am Ende dann doch etwas zerfasert. Aber vielleicht ist das eben so, mit dem Leben und der Liebe. Selbst wenn wir lieben - wer weiß denn schon, wie das am klügsten geht?

"Wir lieben und wissen nichts" bis 14. April an den Kammerspielen, T. 413 34 40

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