"Fenster zum Sommer"

Schicksal oder Zufall? Wenn jeder Moment zählt

"Fenster zum Sommer" verhandelt die Frage Schicksal oder Zufall mit sehenswerten Schauspielern wie Nina Hoss und Fritzi Haberlandt.

Juliane ist zu beneiden. In einem hübschen alten Saab tuckert sie über eine endlose Landstraße bei null Verkehr durch die sommerlichen finnischen Wälder, die Sonne will und will nicht untergehen, am Horizont lockt immer irgendein Gewässer. Mal sitzt August am Steuer, der süße Schnacker, den sie erst seit ein paar Wochen kennt und in den sie ziemlich gründlich verschossen ist, mal fährt sie selbst. Die Reise soll das frisch verliebte Paar zu Julianes Vater führen, einem Finnen.

Juliane ist nicht zu beneiden. Mit benommenem Kopf erwacht sie in der Wohnung in Berlin, die sie früher mit Augusts Vorgänger geteilt hat, dem schlaffen Philipp. Der ist auch irgendwie ihr Chef im Büro, und er weckt sie so unromantisch, wie man sich nach neun Jahren eben auch mal weckt unter Beinahe-Eheleuten. Aber diesen Philipp hatte sie doch schon vor Wochen abgesägt, endlich! Draußen liegt Schnee. Finnischer Sommer, frische Liebe, war da was? Und dann stößt Juliane in der Straßenbahn auch noch auf Emily, die damals, im schönen Monat Mai, am selben Tag, an dem sie August kennenlernte, auf einer Straßenkreuzung mitten in Berlin von einem Lkw überfahren wurde und tot in Julianes Armen lag. Damals, für Juliane. Für alle anderen ist noch nichts von dem passiert, was sie seither erlebt hat. Es ist ja erst Februar, nicht Sommer.

In Hendrik Handloegtens Film "Fenster zum Sommer", nach dem fast gleichnamigen Roman ("Das Fenster zum Sommer") von Hannelore Valencak, die auch am Drehbuch mitschrieb, wächst sich das kleine Déjà-vu, das fast jeder von uns ab und an mal hat, für die Hauptfigur Juliane zu einem Doppel-Leben aus, das gleich ein halbes Jahr umfasst. Lebte sie immer noch mit demselben Menschen zusammen und wäre in der Zwischenzeit nichts Dramatisches passiert - er wäre immer noch seltsam genug, dieser Riss im Kontinuum der eigenen Lebenszeit, die doch bekanntlich nur eine Richtung kennt, immer vorwärts und nie zurück.

Wie aber lebt man mit all dem Wissen und den Erfahrungen vom Juli - noch mal von vorn, genau: ab Freitag, dem 26. Februar? Und wie lebt man vor allem so, dass das Tolle, was unbedingt wieder passieren soll, auch noch mal passiert, und das andere, das Schreckliche, auf keinen Fall wieder geschieht?

Der Film stellt große Fragen. Können wir den Gang der Dinge beeinflussen, wenn wir ihren Ausgang kennen? Wenn ja: Wie würden wir das tun in einer so komplexen Angelegenheit wie dem eigenen Leben, dessen Verlauf nicht nur von unseren Entscheidungen oder Unterlassungen gesteuert wird? Zählt jeder einzelne Moment, müssten wir alles exakt so rekonstruieren, wie wir glauben, es schon mal erlebt zu haben? Was ist Schicksal, was ist Zufall? Schließlich: Was ist Zeit?

Die Antwort lautet: Es passiert, was passieren soll, auch wenn es erstens anders kommt, und zweitens als man denkt. Wer sich in die kalendarische Metaphysik dieses trotz kleiner komödiantischer Momente eher ernsten Films ausreichend versenkt, kapiert auch die Anspielungstiefe der Eigennamen. Der Neue in Julianes Leben, ihre große Liebe, heißt wie etwas, das, vom Juli aus gesehen, eindeutig nach Zukunft klingt: August. Otto, der unwahrscheinlich liebenswürdige, neunmalkluge Sohn von Emily, hat am Ende der Geschichte Geburtstag, er wird acht, und otto heißt acht auf Italienisch, das weiß er schon.

Auch für ihn beginnt ab hier ein neues Leben, womöglich unter dem Schutz von August und Juli-ane, die, Achtung, am 1. August Geburtstag hat. Der Regisseur Hendrik Handloegten hat ein Faible fürs Zeichenhafte und Paranormale im Alltäglichen. Seine vielfach preisgekrönte Abschlussarbeit an der Film- und Fernsehakademie Berlin "Paul Is Dead" (2000) handelte von einem vermeintlich Toten, dem Beatle Paul McCartney, und sog seinen Stoff aus den Mythen, die sich um das "Abbey Road"-Cover mit dem barfüßigen Zebrastreifenüberquerer Paul ranken.

"Fenster zum Sommer" funktioniert als Denksport für Metaphysiker, bedient aber auch Liebhaber des Schauspielerfilms. Nina Hoss lässt die Juliane in ihrer fundamentalen Irritation manchmal dramatisch zerfurcht aussehen und gibt der Figur hohe Glaubwürdigkeit.

Fritzi Haberlandt langt tief in den Topf ihrer Muttersprache und berlinert sich als Emily derart Schnauze-mit-Herz-mäßig durch den Film, dass man all die Kerle nicht verstehen kann, die sie fortwährend versetzen und verletzen. Auch die beiden Männer in Julianes Leben sind mit Lars Eidinger (Philipp Hobrecht) und Mark Waschke (August Schelling) treffend besetzt.

Peter Przybylskis Kamera delektiert sich ausführlich am fotogenen Berlin und findet schöne Hintergründe auch für Nebenszenen, etwa im Schnee kickende Männer auf einem Bolzplatz, an dessen Zaun Juliane vorüberläuft. Przybylski und Fritzi Haberlandt waren 2012 für den Deutschen Filmpreis nominiert, auch Timo Hietala für die Musik mit finnischem Lokalkolorit.

"Fenster zum Sommer", Mittwoch, 6.3., Arte 20.15