Kampnagel

Tanzhochdrei: Das Ballett lässt sie nicht los

Drei Choreografen zeigen auf Kampnagel neue Arbeiten, Adam Linder macht heute den Anfang mit Rap und Tanz

Kampnagel. Adam Linder ist drahtig und klein, er bewegt sich rasch wie Quecksilber. Mit seiner Präsenz auf der Bühne fesselt der Performer die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Derzeit im Residenz-Programm des K3-Zentrums für Choreografie, präsentiert der Tänzer und Choreograf am heutigen Mittwoch unter dem Label "Tanzhochdrei" auf der Probebühne sein Solo "Cult To The Built On What". Darin beschäftigt er sich mit Rap und mit dessen kulturellen Einflüssen auf den Körper und die Kunstproduktion.

Schon in der Performance "Are We That We Are", einem Auftragswerk für die Sydney Dance Company, fragte sich der gebürtige Australier: Sind wir das, was wir sind? Der Auftritt 2010 markierte auch Linders Debüt in seiner Heimatstadt, die er mit 16 Jahren in Richtung London verlassen hatte. Dort besuchte er die Royal Ballet School, begegnete Michael Clark, der in den 80ern als exzentrischer Tanz-Punk die Brit-Szene aufmischte, und arbeitete mit ihm in dessen Company. Damals entstanden auch Linders erste Choreografien, das Solo "The Perfect Score" (2008) und das Duo "Foie Gras", in dem er kritisch die Auswüchse des Konsumwahns kommentierte.

Der quirlige und ruhelose Australier ist beständig auf der Suche nach neuem Input und neuen Ausdrucksformen. Eine Zeit lang tanzte er im Netherlands Dance Theater und im Royal Ballet, erkannte aber bald: "Ballett ist nicht mein Ding." Damals beschäftigte er sich zunehmend mit bildender Kunst. Aus der Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Shahryar Nashat entstanden zwei Filme, "Factor Green" und ein Probenporträt von Adam Linder. Die beiden gastierten auch in Robert Wilsons Watermill Centre in New York, in dem 2011 "Dining At The Wilsons" entstand.

Derzeit ist Linder sesshaft in Berlin, doch auch das, wie man ihn kennt, nur auf Zeit. Er trat in Meg Stuarts Tanzperformances "Do Animals Cry" und "Violet" auf, zeigte auch bei Tanz im August eigene Arbeiten, zuletzt 2012 "A Hip Reconnaissance".

Während der Residenz-Monate im K3-Zentrum widmete sich der Grenzgänger zwischen den Genres wieder Neuem: Er lernte rappen. Im Solo "Cult On The Built On What" verbindet Linder den Ausdruck des Körpers mit Stimmlichem, verwebt selbst geschriebene Texte mit Musik und Tanz.

Er studierte die Geschichte, die Inhalte und Produktionsstrategien des Hip-Hop und eignete sich mithilfe eines Trainers die vokalen Techniken der Rapper an. In seine Rappografie haben auch Rhythmik und Sampling-Methoden des Hip-Hop Eingang gefunden.

Linders Solo eröffnet die K3-Veranstaltungsreihe "Tanzhochdrei". Seit August 2012 arbeiten zwei weitere Residenz-Choreografen unter dem Kampnagel-Dach, betreut von Mentoren, an thematisch speziellen Forschungsprojekten. Unter 200 Bewerbern aus 49 Ländern wählte eine Fachjury außer Linder auch den Katalanen Josip Caballero Garcia und die Irin Sheena McGrandles aus. Sie absolviert in Berlin ihr Masterstudium und nennt die Residenz eine "fabelhafte Chance" zur Erweiterung ihrer künstlerischen Praxis, gerade im Austausch mit den Kollegen.

McGrandles verbindet ähnlich wie Linder Körper mit Objekten und Sprache, doch in einer völlig anderen Ästhetik und Form. Ihre Performance "True Balls" ist vom 13. März an zu sehen.

Garcia dagegen beschäftigt sich mit Ballett und dem weiblichen Solotanz. Er untersucht ihn in seiner Struktur, losgelöst von Gender-Rollen. Garcia tanzte bis 2009 in Pina Bauschs "Le sacre du printemps" und macht das Frühlingsopfer-Solo daraus zum zentralen Thema seines Experiments "No (rite) of Spring", das er am 26. März präsentiert. Reflektierte Ballettgeschichte, sozusagen.

In seinem nächsten Projekt will auch Linder sich auf seine klassisch-akademische Herkunft beziehen. Er erarbeitet für das Berliner Hebbel am Ufer eine Neuinterpretation des circensischen Balletts "Parade" von Jean Cocteau. Seiner Zeit als multimediales surreales Tanzspektakel weit voraus, provozierte "Parade" bei der Pariser Uraufführung 1917 zu Erik Saties Musik in Picassos Dekors einen Skandal. Ballett steckt also doch noch in Linders Kopf und Knochen.

"Cult To The Built On What" Fr 1. u. Sa 2.3., jew. 19.30, Probebühne 1, Kampnagel (Bus 172/173), Jarrestr. 20, Karten zu 12,-/ erm. 8,- unter T. 27 09 49 49; www.k3-hamburg.de