Offen gesagt

Der Besuch der drei Damen

Eine Beobachtung von Verena Fischer-Zernin

Wie benimmt man sich eigentlich in klassischen Konzerten? Knifflige Frage. Aber wenn der Konzertbesucher Glück hat, kann er gleich in der Praxis und aus nächster Nähe von Menschen lernen, die im Besitz der höheren Weihen sind.

Wie zum Beispiel von den drei körperlich äußerst präsenten Damen, die sich noch in den letzten Minuten vor Beginn eines Sinfoniekonzerts in Megafonstärke über die Betriebsfeier von neulich unterhalten. Die Orchestermusiker begeben sich auf ihre Plätze, für einige Sekunden erhebt sich schütterer Applaus. Dame eins: "Was sind das denn für Kulturbanausen, die stundenlang klatschen, nur weil das Orchester auftritt? Wie peinlich!" Dame zwei pflichtet ihr bei: "Das ist überhaupt nichts gegen die Staatsoper, da ist das richtig schlimm. Dieser Zwischenapplaus! Da habe ich mal laut was gesagt, und alle um mich herum haben gesagt, da hätte ich aber recht." - "Mich hat mal eine Nachbarin zu Roger Whittaker mitgenommen", schnattert Dame drei. "Da haben die alle mitgesungen! Ich bin zu Fuß nach Hause gelaufen, weil ich's nicht ertragen habe."

Nur hatte den Damen offenbar noch keiner gesagt, dass Bonbonauswickeln, Öffnen der Handtasche - mit Reißverschluss, extralang - und vernehmliches Murmeln in langsamen Sätzen auch durchaus etwas für Kulturbanausen ist. Vielleicht gibt es ja einen Kursus "Höhere Weihen des Konzertbesuchs II".