Thalia Theater

Leider nicht noch mal davongekommen

Regisseur Marco Storman macht am Thalia aus Thornton Wilders Auferstehungstheater "Wir sind noch einmal davongekommen" eine platte Klamotte.

Hamburg . Das Publikum hätte im Thalia Theater noch einmal davonkommen können. Aber es bleibt sitzen, als der Spielleiter (Daniel Lommatzsch) es auffordert, noch mal rauszugehen, weil die Drehbühne kaputt ist. Danach gibt es kein Entrinnen mehr, weil die Theater-Apokalypse keine Pause kennt. Vor das vermeintliche Vergnügen des auf eine platte Klamotte reduzierten Klassikers des epischen Theaters setzt Regisseur Marco Storman in nahezu verzweifeltem Bemühen um Aktualisierung einen 25-minütigen Prolog. Lommatzsch schwadroniert über einen geplanten Supercomputer, der in der Lage sei, die Zukunft vorherzusagen, lamentiert über die Finanzkrise und parliert über kleine Theaterkatastrophen wie ein defektes Inspizientenpult. In Wilders Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" dauert das Vorspiel etwa fünf Minuten, veralbert Weltuntergangskulte und Kulturpessimisten. Nichts davon blieb im Thalia Theater erhalten.

Im Anschluss an den ermüdenden Spielleiter-Vortrag ohne nennenswerten geistigen Mehrwert präsentiert Storman das von epischer Breite auf apokalyptische Schmalspur eingedampfte Hauptwerk. Damit ist auch die zweite Chance des Abends perdu, noch einmal davonzukommen. Klamauk ist angesagt, bis zum bitteren Ende. Tapfer mühen sich die guten bis exzellenten Schauspieler, den Textrest auf das Niveau einer akzeptablen, soll heißen, gelegentlich zum Lachen verführenden Komödie, zu heben.

Am dichtesten dran ist Victoria Trauttmansdorff als Mrs. Antrobus, die als einzige Mitwirkende den Eindruck vermittelt, sie habe den Sinn des Stückes verstanden und nicht aus den Augen verloren. Sie ist ganz treusorgende amerikanische Vorstadtmutter und aufopferungsvolle Gattin. Gleichfalls einfallsreich und tapfer kämpft Matthias Leja als Mr. Antrobus. Seine Darstellungen kommen aber über Klischees des Erfinders (mit Einstein-Strubbelmähne) und des Politikers (eine gelungene Parodie von George W. Bush) nicht hinaus. Besser: Leja baut als Vorsitzender des Vereins für Säugetiere immer wieder Tierstimmen und -schreie in seine Ansprache ein. Katharina Schmalenberg als verführerisches Dienstmädchen Sabina ist herausragend, wenn sie aus der Rolle fallen und die Inszenierung oder ihren Part verfluchen darf, was selten genug vorkommt.

Das war's dann auch schon an ansprechenden Leistungen über dem Mittelmaß. Lommatzsch stirbt im Prolog vor statt auf der Bühne und kommt anschließend über den cholerischen Regisseur nicht hinaus, Christina Geiße als angepasste Tochter Gladys und Sven Schelker als mörderischer Sohn Henry, vormals Kain, bleiben funktionale Randgestalten. Auch dies ist symptomatisch für das Misslingen: Im Stück bildet Henry den mörderischen Gegenpol zu den humanitären Werten der Humanoiden, zur Würde im Alltagsleben, zu amerikanischen Werten wie Freiheit, Familie und Glück. Von den positiven Seiten des Menschen, von Wilder durchaus betont und so liebe- wie humorvoll geschildert, bleibt in Stormans Fassung nicht viel übrig. Damit wird auch der serienmordende Henry zur beliebigen Nebenfigur.

Sehr gelungen ist hingegen die Bühne von Constanze Kümmel. In klaren Pop-Art-Bildern entwirft sie die Showbühne für den Planeten der Menschenaffen, die es trotz aller apokalyptischen Bedrohungen immer wieder schaffen, zu überleben. So werden die Hauptpersonen zu Beginn mit Schwarz-Weiß-Fotos von Menschenaffen vorgestellt. Und so erklettert der frischgebackene Präsident die Statue einer überdimensionalen Orang-Utan-Hand und flirtet aus deren Fläche mit seiner mehr oder minder heimlichen Geliebten Sabina. Zum runden Schluss des eher eckigen Abends zitieren die Darsteller noch mal die Einstiegsszene zu Beginn der Eiszeit, in der das Feuer beschworen wird, das nicht ausgehen dürfe und das doch künstlerisch längst verglühte. Der hoffnungsvolle Nachwuchsregisseur Storman war von Wilder offenbar hoffnungslos überfordert.

Weshalb aber hat Storman das Stück inszeniert? Nun ja, es musste nach dem Willen des Intendanten Joachim Lux und des Dramaturgen Carl Hegemann auf den Spielplan, weil es bei einer vom Theater initiierten Stückewahl durch das Publikum mit 635 Stimmen auf Platz drei gelandet war. Statt nach der heftig kritisierten Wahlaktion auf die gewählten Stücke von Dürrenmatt und Wilder zu verzichten, entschied die Direktion nahezu humorfrei, das per E-Mail und Postkarte zustande gekommene Ergebnis gut organisierter Wahlgrüppchen, die vermutlich nicht mal zum Publikum des Thalia Theaters zählten, müsse ernst genommen werden. Voller Misstrauen Wilder gegenüber sollte sein Stück zunächst mit einer Uraufführung von Elfriede Jelinek kombiniert werden. Dieses Projekt wurde wieder abgesagt. Sowohl Regisseur Dimiter Gotscheff als auch die Autorin hätten zuletzt Zweifel gehabt, ob sich das Stück der Nobelpreisträgerin überhaupt in Kombination mit dem Drama von Thornton Wilder auf die Bühne bringen lasse, so Dramaturg Hegemann. So spielen sie nun im Großen Haus schlicht "Hegemann ausbaden". Diese spezielle Programmreihe des Thalia Theaters wird am 13. April mit der Premiere des Stückes "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt in der Regie von Christine Eder fortgesetzt. Es erhielt bei der dubiosen Spielplanwahl im Dezember 2011 insgesamt 703 Stimmen.

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