Kultur

Röchelverzeichnis – Dauerthema Husten im Klassik-Konzert

Eine neue Studie erklärt die Gründe und gibt therapeutische Antworten auf die Frage: Warum husten Menschen (nicht) in Konzerten?

Hamburg. Er kann kurz gehalten werden, so präzise wie ein Scharfschütze oder flächendeckend verheerend, er kann als Druckventil für innere Anspannung gemeint sein und kracht mit Vorliebe herzhaft in leise Passagen hinein. Lautstarkes Desinteresse-Signal kann er sein, gruppendynamisches Lebenszeichen für die Bekannten im Halbdunkel oder Statussymbol nach der Devise "Ich röchel, also bin ich." Einzeltäter sind ebenso häufig wie Auslöser eines Domino-Effekts, die in wenigen Minuten selbst die solideste Sonatenhauptsatzform in die Knie zwingen können. Unverstandene oder ungeliebte Avantgarde wird öfter niedergeräuspert als Kuschel-Klassik. Weitere Kollateralschäden am Nervenkostüm der Künstler lassen sich mühelos mit knisterndem Hustenbonbonpapier erzielen. Katarrh-Profis verewigen sich nach gründlichem Partiturstudium bei Radio-Übertragungen oder Live-Mitschnitten mit einem asthmatischen Akzent, den kein Tonmeister der Welt wieder herausoperieren kann. Höchste Eskalationsstufe: der große Würgeanfall, nur echt mit dramatischer, gut sichtbarer Flucht aus einer der vorderen Reihen.

Das Röchelverzeichnis - die Liste der Variationen des Dauer-Themas Husten im Klassik-Konzert - ist schier endlos. Linderung zwar nicht, aber zumindest akademische Aufarbeitung bietet nun eine durchaus ernst gemeinte Studie, über die Laien staunen und Fachleute sich wundern können. Prof. Dr. Andreas Wagener, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Leibniz Universität Hannover, bemüht sich auf knapp 40 Seiten um therapeutische Antworten auf die Frage: "Warum husten Menschen (nicht) in Konzerten?" Eine alles erklärende Antwort oder gar eine Lösung hat auch er nicht parat. Aber immerhin Fakten, die das Elend verstehen helfen, über das Heinrich Böll in der Kurzgeschichte "Husten im Konzert" schrieb, dass es sich "mit aufreibender Folgerichtigkeit zum explosiven Gebell" steigert.

Wo Wissenschaft ist, da ist Statistik oft nicht weit - auch in dieser Ursachenforschung finden sich beachtenswerte Erkenntnisse aus früheren Expeditionen ins Land des Röchelns: Gesunde Erwachsene husten durchschnittlich etwa 16-mal täglich, am ehesten noch zwischen 11 und 14 Uhr, also jenseits der üblichen Konzertzeiten, was 0,0555 Huster innerhalb eines fünfminütigen Zeitabschnitts bedeuten würde. Andererseits haben Untersuchungen aber auch ergeben, dass der durchschnittliche Konzertgänger etwa 0,025-mal pro Minute zum Huster wird, woraus sich täglich 36 Huster ergäben, also mehr als das Doppelte der normalen Gesunden-Dosis. Nieser, Schluckauf und Gähner seien etwa ähnlich häufig wie Huster, könnten aber nicht in ihrer Gänze absichtlich produziert werden - und sind dennoch viel seltenere Störfaktoren.

Wären Huster rein zufällig und ungewollt, müssten sie viel gleichmäßiger über den Konzertabend verteilt sein, schreibt Wagener. Sind sie aber nicht, wie jeder Laeiszhallen-Stammgast und etliche Solisten aus leidvoller Erfahrung bestätigen können. Und wenn sie unbeherrschbar wären, würde es ja auch auf der Bühne unter den Mitwirkenden röcheln, räuspern und knattern. Ein weiterer Aspekt des Phänomens: In Kino-Vorstellungen sei der Hustenanteil viel geringer. Musik beeinflusse zwar den Puls, die Leitfähigkeit der Haut, Blutdruck und Körpertemperatur, aber es gebe weder Beweis noch Grund dafür, dass die Begegnung mit Musik häufigeres Husten auslöst. Und schon 1980 habe eine sozialpsychologische Studie gezeigt, dass umso mehr Huster pro Person zu verzeichnen sind, je größer das Gesamtpublikum ist - und dass die Zweithustenwahrscheinlichkeit umso mehr steigt, je näher der Ersthuster dem eigenen Sitzplatz ist. Bei Canetti heißt das "Masse und Macht".

Ein weiterer Beleg für die Steuerbarkeit von Halsgeräuschen sei die Tatsache, dass sich Huster wie Flutwellen durch den Saal bewegen könnten und damit als Teil eines sozialen Prozesses entlarvt wären. Statistiker könnten nun noch ergänzen, dass in Klassik-Konzerten häufiger gehustet wird als in durchschnittlichen Menschenmengen, weil deren Besucher eben deutlich über dem Altersdurchschnitt liegen. Doch auch diese eher medizinische Diagnose erklärt nicht die Momente, in denen Konzerte wirken wie eine szenische Umsetzung des Lungensanatoriums aus Thomas Manns "Zauberberg".

Aus diesen Indizien gelangt Wagener zur ernüchternden Schlussfolgerung, dass Konzerthuster zu einem überwiegenden Teil als absichtlich und freiwillig zu verstehen sind. Eine Tat mit Vorsatz also statt im Affekt.

Hier, bei der Frage nach dem Warum, kommen dann die Verhaltensmuster mit ins Spiel. Die soziale Instanz Konzert - bei der man lange tun und lassen konnte, was und wie laut man wollte - wurde durch die Verbürgerlichung der Musikindustrie im 19. Jahrhundert in ein immer engeres Verhaltenskorsett gesteckt. Da ist man als Besucher schon froh, wenn man sich unkontrolliert, aber dennoch innerhalb der Inszenierung bemerkbar machen kann. Langeweile oder Ablehnung können weitere Gründe sein. Und wer deswegen hustet, kann sich immer noch mit einem Schulterzucken als krank und damit halbentschuldigt aus der Affäre ziehen.

Husten kann ein nicht sprachlicher Ersatz sein für die verpönte unmittelbare Meinungsäußerung. Es ist genau so eindeutig und allgemeinverständlich wie der reglementierte Applaus oder die Buhs am Ende einer Vorstellung.

Immer den Kürzeren ziehen dabei die Künstler - sie retten sich in Verzweiflungsgesten oder genervte verbale Konter. Jazz-Pianist Keith Jarrett, auch als virtuoser Publikumsbeschimpfer bekannt, hat bei einem Konzert in Frankfurt gerufen: "Wenn Sie husten müssen, warte ich draußen." Der Klassik-Liebhaber Loriot vermachte den Berliner Philharmonikern ein Verbotsschild, auf dem eines seiner Knollennasenkerlchen hustet, und hat diesem Besuchertypus einen Sketch gewidmet, in dem er als Dirigent bei Griegs "Ases Tod" die Einsätze an die eingebildeten Kranken gibt. Und als der überaus sensible Pianist Alfred Brendel seine Virtuosen-Karriere beendete, antwortete er beim Abschieds-Interview in der "Zeit" auf die Frage, welchen ewig sich erfüllenden Wunsch er noch hätte: "Dass niemand mehr in einem Konzert hustet." Der Rest wäre Schweigen.