Politkrimiserie

„Homeland“: Der Feind im eigenen Land

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Thomas Andre

Ab Sonntag läuft die großartige Politkrimiserie "Homeland", die zahlreiche internationale Preise gewonnen hat, auf Sat.1.

Das Lob und die Bewunderung, die der amerikanischen Serie "Homeland" so gewaltig entgegenschlagen, verlangen eigentlich geradezu nach Widerspruch. Der ist aber zwecklos. Es ist schlechterdings unmöglich, ein Haar in der Suppe zu finden, wenn es um dieses vollendete Leinwand-Kunstwerk geht. In Amerika ist gerade die zweite Staffel zu Ende gegangen, bei uns läuft nun endlich die erste - ab Sonntag auf Sat.1.

Ausgerechnet auf Sat.1, darf man ja fast sagen, denn der Privatsender ist zuletzt noch weniger als die Öffentlich-Rechtlichen mit wirklich guter Unterhaltung in Erscheinung getreten. Das wiederum würde Sat.1-Geschäftsführer Nikolas Paalzow so sicher nicht unterschreiben, angesichts des Programmcoups hyperventilierte er ("Wir präsentieren unseren Zuschauern die derzeit beste Serie der Welt"), aber wie gesagt: Man darf auch mal Fan sein.

Den Amerikanern unterlaufen Premiumserien bekanntlich in schöner Regelmäßigkeit, und manchmal wird eine deshalb auch vom Sockel gestoßen. Bei den Emmy-Verleihungen Ende vergangenen Jahres löste "Homeland" jedenfalls den 60er-Jahre-Kostümfilm "Mad Men" als beste Serie ab. Mitten hinein also in die Gegenwart, die aufregende, aufwühlende, zerrissene und nervöse, in der wieder mal in den USA die Musik spielt: In "Homeland" geht es um den Irak-Soldaten Nicolas Brody, der acht Jahre vermisst und totgeglaubt, dann aber von den US-Streitkräften befreit wird. Zurück in seiner Heimat wird er als Held gefeiert, der Vize-Präsident dient ihm sogar ein politisches Amt an; Brody ist das Gewissen Amerikas, das den Leuten zeigt, um was es bei den Kriegen im Osten zu gehen scheint. Aber die CIA-Agentin Carrie Mathison glaubt nicht an Brody als das personifizierte Gute, im Gegenteil hält sie ihn für einen Schläfer, einen in der Gefangenschaft zu den Islamisten übergelaufenen Feind.

Paranoia? Hysterie? Oder nichts als die Wahrheit? Die Agentin installiert auf eigene Faust Kameras im Haus Brodys, und damit ist das Spiel mit den Perspektiven, den Wahrheiten, verborgenen Geheimnissen, den Glaubenskämpfen und Selbsttäuschungen eröffnet. "Homeland" stammt aus der Feder der Skriptschreiber Howard Gordon und Alex Gansa, die auch an der Kriminalserie "24" beteiligt waren. Die handelt von dem Ermittler Jack Bauer und war ein Abbild der Nullerjahre und dem weltweiten Kampf gegen al-Qaida.

In Mathison hat Bauer nun eine rechtmäßige Nachfolgerin. Verkörpert wird sie von Claire Danes, die man offen gestanden schon gar nicht mehr auf der Rechnung hatte - war da eigentlich noch irgendetwas nach "Romeo und Julia", dem Liebesfilm, den sie als Teenager mit Leonardo DiCaprio drehte? Mittlerweile ist Danes über 30, und wie sie die Rolle der manisch-depressiven Agentin spielt, das ist ganz, ganz großartig. Das muss auch so sein, denn das dauerdramatische Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam spiegelt sich in den tragischen zwischenmenschlichen Verwerfungen.

"Homeland" ist eine zutiefst politische Serie, die Fragen stellt nach der Legitimation der amerikanischen Kriege, aber sie erzählt auch: eine Liebesgeschichte. Das ist es, was der Serie den charakteristischen Drive gibt und den aus der Wirklichkeit entnommenen Polit-Plot nicht als bloßen Realismus à la "The Wire" durchexerziert, sondern eine deutlich fiktionale Kennung gibt. Wie Danes bekam Brody-Darsteller Damian Lewis einen Emmy für die Rolle.

Wie in jeder der zuletzt gefeierten Serien ist die Psychologie der Figuren mit wenigen Szenen und Dialogen umrissen. Der Fortgang der Handlung wird, durchlässig für manche Unschärfen, bereits in den ersten Auftritten der Serienhelden anskizziert. Brody, nach seiner Befreiung im Irak in Ramstein bereits von der Army befragt, wird in Amerika staatstragend empfangen. Die erste Umarmung mit seiner Frau nach acht Jahren, die Fremdheit in ihren Blicken, danach eine Ansprache des GIs, der ziemlich durcheinander ist. Was hat die Gefangenschaft aus ihm gemacht? Wer ist dieser Mann?

Um diese Frage dreht sich "Homeland", weil Brody für das Dilemma der Weltmacht Amerika steht, hinter einem Krieg stehen zu müssen, der moralisch fragwürdig ist. In "Homeland" gibt es keinen, der nur gut ist, keinen, der nur böse ist. Alle Identifikationsangebote für den Zuschauer verpuffen. Die Architektur der Serie ist ausgefeilt: Die Bipolarität der Welt - hier der Westen, dort der Islam - spiegelt die Bipolarität der Charaktere. Die psychisch kranke Carrie, der in zwei Loyalitätsfallen gefangene Brody - als Projektionsflächen taugen sie für die Spaltung der Welt.

"Homeland", 3.2., 22.15 Uhr, Sat.1