Göttingen als Liebeserklärung

Wie ein Chanson das deutsch-französische Verhältnis verbesserte. Auch das zeigen die Kulturtage "arabesques"

Hamburg. Wer hätte das gedacht: Nach Jahrhunderten blutiger, sprichwörtlicher Erbfeindschaft beschlossen zwei ältere Herren auf dem kurzen Dienstweg ein Phänomen, das in den Ohren der Zeitgenossen wie pure Ironie klingen musste: Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichneten am 22. Januar 1963 den sogenannten Elysée-Vertrag und dekretierten damit mal eben die deutsch-französische Freundschaft. Von oben und so amtlich und würdig-steif, wie man die beiden bis heute auf historischen Fotos bewundern kann.

Das Erstaunliche dabei ist: Es hat funktioniert. Generationen von Schülern haben besuchshalber den Rhein von beiden Seiten überquert, hüben den Kölner Dom und drüben Notre-Dame besucht, gemeinsam, und gemeinsam gefeiert - und das Projekt ist ganz unten angewachsen.

Da ist es nur logisch, dass der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags als Fest begangen wird. In Hamburg rankt sich um das Jubiläum ein noch junges Festival, die deutsch-französischen Kulturtage mit dem klingenden Namen "arabesques". Zum zweiten Mal erst gehen sie dieses Jahr über die Bühne. Angestoßen hatte sie Nicolas Thiébaud, einer der vielen Franzosen, die heute in Hamburg leben. Nur ist Thiébaud kein Airbus-Ingenieur wie viele seiner hiesigen Landsleute, sondern Solo-Oboist der Philharmoniker Hamburg.

So hat das Programm denn auch einen ausgeprägten Klassik-Schwerpunkt. Thiébaud und seine Orchesterkollegen bestücken mehrere Kammerkonzerte: Am 20. Januar geben sie eine "Französische Matinée" um den Romantiker Théodore Gouvy. Die Sopranistin Gabriele Rossmanith, unlängst zur Kammersängerin geadelt, begleiten sie zu "La Bonne Chanson" (2.2.). Christian Kunert, der preisgekrönte Solo-Fagottist der Philharmoniker, spielt "Fagottissimo" mit den German Classical Players, einem weiteren Ensemble des umtriebigen Thiébaud (15./16.2.). Deren Unterabteilung "German Winds" ist am 26. und 27. Januar mit Werken von Beethoven, George Onslow und Théodore Gouvy zu hören.

Die Philharmoniker haben Ravels "Ma mère l'oye" auf dem Programm ihres 5. Abokonzerts (27./28.1.), und François Salignat, Korrepetitor in der Staatsoper, gibt einen Klavierabend, den er unter das Motto "Die Vielfalt der Inspiration" stellt (2.2.). Das Ensemble Obligat (18./19.1.) spielt ein französisches Programm, und die Schwestern Elena und Julia Sukmanova führen, sekundiert von der Moderatorin Birgit Kiupel, durch einen Salon der Sängerin Pauline Viardot, die im 19. Jahrhundert das europäische Musikleben maßgeblich mitgeprägt hat (3.2.).

Natürlich dürfen auch andere musikalische Disziplinen nicht fehlen. Marie-Laure und die Mannschaft, ja, so nennt sich das Ensemble, bitten zum "Letzten Tango du Port"; der Titel trägt den Geburtsort des Tangos, nämlich den Hafen, schon in sich (31.1.). Und was wäre unser Frankreichbild ohne Chansons? "Amour fou - Unter den Dächern von Paris" heißt es am 26. Januar. Der Marseiller Christophe Garnerone hat sein Soloprogramm gleich mit seinem Vornamen überschrieben (16.2.). "Die schwarze Tulpe" schließlich versteht sich als eine Hommage an die Sängerin und Komponistin Barbara (24.1.), die in den 60er-Jahren mit dem Lied "Göttingen" international berühmt wurde: eine Liebeserklärung an Deutschland und ein Plädoyer für die Völkerverständigung, ganz im Sinne der beiden Herren aus dem Elysée.

Unter dem Motto "Bridging the Gap" diskutieren der Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit und weitere Gäste am 21. Januar die Frage: "Wo bleiben die europäischen Intellektuellen in der europäischen Krise?" Jette Steckel inszeniert Camus' "Der Fremde" (18.1.), Kirschkern & Compes führen französisches Kindertheater auf (9.2.). Autorenlesungen und Ausstellungen, Filmvorführungen und Videopräsentationen machen das dichte Kulturprogramm in Hamburg, Quickborn und Pinneberg komplett.

Drumherum geht es mit Festen, Workshops und Kulturaustausch unbeschwert gesellig zu. Und wer nach dem Ende der Kulturtage Entzugserscheinungen hat, der kann am 23. März noch mal so richtig feiern: Da bittet der Verein "Hambourg Accueil" zum "Bal de l'Amitié franco-allemande" ins Hotel Atlantic. Ball der deutsch-französischen Freundschaft. Wer hätte das gedacht, damals, vor 50 Jahren.

"arabesques" 17.1. bis 18.2., Infos unter T. 63 94 10 67; Programm und Veranstaltungsorte siehe www.arabesques-hamburg.de