Musik

Sarah Maria Sun ist die Hochleistungssopranistin

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Tom R. Schulz

Im Rolf-Liebermann-Studio singt Sarah Maria Sun heute beim NDR eine Uraufführung und stimmlich extrem fordernde Werke der Neuen Musik.

Rolf-Liebermann-Studio. Irgendwie klar, dass so eine wie sie schon als kleines Mädchen nicht Stewardess, Heidekönigin oder Tierärztin werden wollte. "Wenn ich groß bin, werde ich Gitarrenprofessor", verkündete Sarah Maria Sun als Fünfjährige ihren erstaunten Eltern. Die kauften dem Kind immerhin anstelle der ihm eigentlich zugedachten Blockflöte eine Gitarre. Darauf spielte die Waldorfschülerin, die in Hamm-Pelkum, "dem schlimmsten Teil von Hamm", zur Schule ging, bis zum Abitur mit großer Begeisterung - ausschließlich klassische Musik.

Aber weil die junge Frau mindestens genauso gerne sang und dabei noch näher an sich, an der Musik und den Menschen war, wurde es nichts mit der Gitarrenprofessorin. Sarah Maria Sun, 34, studierte in Stuttgart und in Köln Gesang und hat sich inzwischen mit ihrem Koloratursopran als eine der eindrucksvollsten deutschen Sängerinnen der Neuen Musik etabliert. Heute richtet ihr "das neue werk" des NDR ein Porträtkonzert aus, dessen Programm schwächere Naturen als ihre lieber auf zwei Abende verteilt sähen.

Die "Superherausforderung" (Sun) des Abends besteht zum einen aus drei gewichtigen Werken der zeitgenössischen Vokalmusik, die sich mit Frauenfiguren aus der Antike beschäftigen: Hanspeter Kyburz widmet "still and again" (2010/11) Penelope, der Frau des Odysseus; in Iannis Xenakis' "Anaktoria" (1969) und Georg Friedrich Haas' "Atthis" (2009) geht es um die Liebe der Sappho zu zwei ihrer Gefährtinnen.

Was Frau Sun scherzhaft die "kleine Walküre der Neuen Musik" nennt, wäre schon heftig genug, wobei der Gesang hier noch von Instrumentalisten des Neuen Ensembles begleitet wird. Doch Richard Armbruster, Redakteur fürs "neue werk" beim NDR, trug ihr dazu noch ein "Nachtstudio" genanntes Fast-Soloprogramm an. Im zweiten Teil des Konzerts ist die Hochleistungssopranistin mit der Uraufführung von "Vergiss Salome" zu hören und zu sehen, das der NDR für sie bei der Komponistin Iris ter Schiphorst in Auftrag gab.

Dazu gestaltet sie eine Performance von Georges Aperghis, "Les sept crimes de l'amour", ein "extrem witziges, grausames, absurdes Theater" für eine Frau und zwei Männer (an Klarinette und Schlagzeug). Und wo sie schon mal in Hamburg ist, singt Sarah Maria Sun auch noch ihr allerliebstes Lieblingsstück der Neuen Musik, "Sequenza III" für Frauenstimme von Luciano Berio.

Wer die schmale Frau mit der übers Jahr häufig wechselnden Haarfarbe und den gleichbleibend blauen Augen sprechen hört, der spürt: Hier ist eine froh Besessene am Werk. Auf "120 Gigs im Jahr" schätzt sie selbst ihre Bühnenaktivitäten. Dazu kommen doppelt so viele Probentage, in denen es in aller Regel darum geht, "sich neue Sachen in den Kopp zu kloppen", wie es die Enkelin zweier Ruhrpott-Bergleute formuliert. Freizeit? Kaum vermisste Mangelware. Vieles von dem, was sie als Erste Sopranistin mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart singt, sind Uraufführungen. Fluch und Segen der Neuesten Musik: Es gibt keine Vorbilder, mit deren Interpretation man verglichen werden, von denen man aber auch lernen könnte. Alles muss man selbst erarbeiten.

Die heftige, monogame, fruchtbare Liebe zur Neuen Musik überkam Sarah Maria Sun, als sie, noch Studentin, György Ligetis "Nouvelles Aventures" kennenlernte. "Danach konnte ich drei Wochen nicht schlafen", sagt sie. Bei all ihrer Bereitschaft zu gesanglichen und stimmlichen Extremzuständen darf man sich Frau Sun, die ihren strahlenden Nachnamen einer für abgeschlossen erklärten Ehe mit einem Engländer verdankt, nicht als exaltierte Person vorstellen, im Gegenteil: Sie spricht besonnen, abwägend. Man spürt bei ihr eine Leidenschaft des Geistes, die sich im Singen über den ganzen Körper mitteilt. Ihre Stimme begreift sie als psychologisches Instrument: "Jeder ist ja Stimmbesitzer", sagt sie. Und weiß, dass es kaum Stimmbenutzer gibt wie sie.

Das Neue Ensemble und Sarah Maria Sun, heute, 20.00, Rolf-Liebermann-Studio (U Klosterstern) Oberstraße 10, Tickets zu 14,- unter T. 0180/178 79 80 und an der Abendkasse