Gesellschaftskomödie

"Der Vorname": Betonkopf gegen Luftikus

| Lesedauer: 6 Minuten
Armgard Seegers

Im Deutschen Schauspielhaus feierte die Gesellschaftskomödie "Der Vorname", inszeniert von Christian Brey, umjubelte Premiere.

Hamburg. Wer im Schauspielhaus seine Klassiker wiedererkennen möchte, der ist vielleicht nicht richtig, wenn er "Der Vorname" besucht, eine Komödie des gehobenen Boulevard, die am Sonntagabend dort unter großem Jubel Premiere feierte. Das Stück der französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière lief mehr als ein Jahr in Paris vor ausverkauftem Haus und wurde auch verfilmt, bevor es nun seine deutsche Erstaufführung erlebte. Es ist eine Gesellschaftskomödie, die so oder so ähnlich auch bei uns im Wohnzimmer stattfinden könnte: Menschen in ihren besten Jahren, die miteinander verwandt oder schon seit Ewigkeiten befreundet sind, treffen sich. Doch statt Small Talk zu betreiben und Nettigkeiten auszutauschen, knallen sie sich unverhofft offene Rechnungen an den Kopf. Die Situation eskaliert wie bei einem Dampfdrucktopf, von dem der Deckel fliegt.

Das Stück, das auch aus der Feder von Yasmina Reza stammen könnte, der erfolgreichsten zeitgenössischen Autorin, die wie keine andere den Bildungsbürgern aufs Maul schaut, sei es mit "Kunst", "Drei Mal Leben" oder "Der Gott des Gemetzels" - dieses Stück beginnt ganz harmlos und endet im Chaos. Auf dem Weg dorthin können sich die Zuschauer mit gebildeten Anspielungen, peinlichen Ausrastern, politischen Miesmachereien, schamlosen Vorurteilen oder knalligen Pointen bestens amüsieren. Christian Breys Inszenierung ist intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau (wenn auch nicht auf höchstem, dafür ist es zu boulevardesk), gespielt von guten (wenn auch nicht großartigen, dafür fehlt es an Virtuosentum) Schauspielern. Wenn nicht alles täuscht, wird diese Inszenierung sehr lange vor stets vollem Haus laufen.

"Der Vorname" stellt eine alltägliche Situation in den Mittelpunkt: Fünf Freunde treffen sich zum Abendessen. Zwischen ihnen entbrennen nun Wortgefechte und Streitereien, Vorwürfe und Anfeindungen, wie man sie im gehobenen Bildungsbürgertum, dem die Gäste angehören, nie vermutet hätte. Zu den Verletzungen, die in schöner Atmosphäre wie Wurfpfeile abgeschossen werden, zählen "Es macht nichts, wenn du schwul bist", "Du bist Egoismus pur", "Und du ein Geizkragen", "Du hast jedenfalls gesagt, das Kind sei von mir" oder "Ich liebe nur eine und das ist ...", aber das soll hier nicht verraten werden, würde es doch ein bisschen Spaß aus dieser ganz und gar amüsanten, unterhaltsamen und wirkungsvollen Komödie nehmen.

Die Bühne (Anette Hachmann) besteht aus farbenfrohen Schaumstoffkissen, die den Boden bedecken und als Sitzgelegenheit dienen. Hier versinkt jeder im Boden, bequem machen kann man es sich nicht, und da alle, die aus der unteren Etage ins Wohnzimmer des Ehepaares Elisabeth und Pierre treten, die Schuhe ausziehen müssen, entsteht auch sogleich eine Atmosphäre des modern Spießigen. Spießig heißt hier, stets für die gute Sache einzutreten und alle, die nicht für Umwelt, Menschenrechte und Anti-Rauch-Kampagnen sind, abzukanzeln. Pierre ist großartig darin, zeigefingerartig auf Ethik und Moral hinzuweisen. Als linksintellektueller Hochschullehrer ist er zwar knochentrocken und humorbefreit. Doch er weiß stets, was richtig und falsch ist.

Stefan Schad spielt ihn als geizigen Cordhosenträger und Weltverbesserer, der schnell auf Zinne ist, sollte man seine Meinung nicht teilen. Dass seine Frau Elisabeth sich abrackert, während er auf dem Sofa herumschlunzt und große Reden schwingt, bemerkt er nicht. Falls doch, ändern will er daran wohl nichts. Ganz anders sein Schwager, Elisabeths Bruder Vincent, den Markus John als schmierigen Immobilienmakler spielt, der gern alle Fäden zieht und mit seinem Unwissen kokettiert. Als werdender Vater vertraut er den anderen an, wie er seinen Sohn nennen will. Alle sind entsetzt über den unmöglichen Namen, und so entbrennt der schönste Krieg um Kindernamen, um Weltanschauungen, politische Meinungen, modisches Getue und die Abgründe der familiären Vergangenheit.

Betonkopf Pierre und Luftikus Vincent, obwohl seit 30 Jahren befreundet, lassen kein gutes Haar aneinander. Der eine will nur spielen, der andere immer Recht haben. Hausfreund Claude hält sich zwischen den Alpha-Machos zurück, bis man ihn als "Königin" veralbert. Janning Kahnert schleudert ihnen daraufhin ein Liebesgeständnis entgegen, das Vincent mit einem Faustschlag beantwortet. Physische Gewalt als Argumentationshilfe im Intellektuellenmilieu. Welch Fauxpas! Anna, Vincents schwangere Lebensgefährtin (Katja Danowski), kann dagegen punkten, als sie die Namen von Pierres Kindern, Athena und Adonas, als lächerlich hinstellt. Anna ist eine frische junge Frau, die es in den Mief des Stadtquartiers hineingeweht hat. Und Elisabeth, die ständig in die Küche rennen muss, um neue Köstlichkeiten für das marokkanische Büfett zu holen, die die Tür öffnen und schreiende Kinder beruhigen muss, holt am Ende zum Rundumschlag gegen ihren Bruder Vincent aus ("Du verwöhntes Muttersöhnchen!") und entlarvt ihren faulen Gutmensch-Rechthaber Pierre als Ausbeuter, dem sie, eine Lehrerin, seine Aufsätze geschrieben habe. So wird Ute Hannig als Elisabeth neben dem glänzend aufgelegten Markus John zum Star des Abends.

Dass miese Freunde, ausgenutzte Frauen, und dämliche Angeber für einen rundum gelungenen, launigen Abend sorgen können, das ist mit "Der Vorname" am Schauspielhaus wieder einmal bewiesen. Nichts wie hin.

Nächste Vorstellung: Fr 9.11., 20.00 Uhr

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