Buch: Eine Sammlung gefundener Notizblätter verblüfft mit Alltagsirrsinn

Zettels Traum zum Mitlesen

| Lesedauer: 4 Minuten
Armgard Seegers

"Absender unbekannt" versammelt skurrile Zettel und gibt kuriose Einblicke ins Private.

Hamburg. Liebesbriefe, Einkaufslisten, Notizen, Vermisstenmeldungen, Schmierzettel - Davy Rothbart sammelt seit Jahren Kurioses, Stilblüten und Banales, alles, was mal als Mitteilung aufgeschrieben wurde und dann irgendwie verloren ging oder weggeworfen wurde. Jetzt gibt's den Zettelkasten als Buch mit dem Titel "Absender unbekannt".

Schmutzig, zerknüllt oder vollgekritzelt sind diese privaten Merklisten, die sich irgendjemand irgendwann nur zum eigenen Gebrauch geschrieben hat ("Was ich an Paul mag: Sieht gut aus. Was ich nicht mag: weiß es.") oder die als spezielle Botschaft gedacht waren ("Liebe Alicia, hast du sie noch alle?!") und die nun, für alle nachzulesen sind.

Beinahe voyeuristisch schaut man durch diese intimen Notizen unbekannten Mitmenschen mitten in Herz ("Danke für alles! Die letzte Nacht war der Hammer") oder Hirn ("Was ich brauche: Teppichreiniger, Nagelknipser, Wattestäbchen, Sex und Verständnis, Öl, Gemüse, Reis"). Inmitten banaler Alltagsaufgaben verkündet solch ein Zettel fast ebenso viel Philosophisches wie der Glückwunsch: "Alles Gute zum 30., Kleines. Es wird besser und besser! Und dann wirds schlimmer". Stimmt ja, leider. Und so ist eben gar nicht alles Blödsinn, was auf diesen 160 bunt bedruckten Seiten zu finden ist. Wut, Verzweiflung, Tagträume, Sehnsucht - alles, was sich da so verzettelt wiederfindet, kennen wir doch, weil fast jeder gerne kritzelt. Trotz Handy und Computer.

Im Buch steht Skurriles ("Kleinwüchsigen-Escortservice sucht verzweifelte Frau"), neben Einfältigem ("Habe Meinen Polower verloren. Er ist von Meinen Farat gefalen") und Unverständlichem ("Zu vermieten 3 miese Zimmer"). Wer hätte sich nicht schon mal über einen rücksichtslosen Autofahrer geärgert und ihm gerne - nur unwesentlich freundlicher - geschrieben: "Danke, dass du 2 Parkplätze belegst, du verblödeter Spacko."

Aber was vor allem Spaß macht beim Blättern in diesem Buch, sind die Einblicke in menschliche Unzulänglichkeiten und in große Emotionen wie Liebe und Hass. "Mein Freund ist weggelaufen . . . wie ein räudiger Dackel irgend so ner blonden Tussi hinterher", schreibt da Eine, der zumindest der Humor noch nicht abhanden gekommen ist, denn die Nachricht endet: "Wer Angaben zu der Frau oder zu meinem jetzigen Ex-Freund (Ingo Lenz, 32, Bürokaufmann) machen kann, schreibe mir bitte unter der Chiffre Komm_du_mir_mal_nach_Hause, Freundchen". Großartig! Der Kerl ist geoutet, und die Verlassene hat sich den Frust von der Seele geschrieben.

Schon als Schüler fing Davy Rothbart an, weggeworfene Notizen aufzuheben. Vor sechs Jahren erschien seine erste Zettelsammlung als Buch. Er konnte von seinem Buch leben. Zettels Traum! Ursprünglich war das Kompendium "Found" nur für Freunde gedacht, doch es verkaufte sich so gut, dass Rothbart vier weitere Zettel-Bücher herausgebracht hat. Auch drei "Schmutzige Zettel" sind erschienen, ein Buch mit gefundenen Polaroid-Fotos und ein "Best of". Es gibt ein Magazin und eine eigene Webseite. Auf Englisch. Rothbart geht mit seinen Büchern auf Lesereise und tritt in Talkshows auf. Mit "Absender unbekannt" erscheint nun erstmals ein Zettel-Buch auf Deutsch. Auf der Webseite absender-unbekannt.de haben bereits Sammler ihre Fundstücke zur Verfügung gestellt.

Tiefere Einblicke in menschliche Abgründe erlaubt folgende Liste: "Gründe, mich NICHT zu lieben: Ich bin ein Schwein, habe mit deiner besten Freundin geschlafen, ich bezahle nie, Tür aufhalten ist was für Weicheier, ich klammere. P.S. Lass uns ein gemeinsames Leben aufbauen."

  • Davy Rothbart (Hg.): Absender unbekannt. Gefundene Zettel, Mitteilungen und Briefe. Kein & Aber, 160 S.; 14,90 Euro .