Karl May: Die Schau "Imaginäre Reisen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Ein interessanter Scharlatan

Die wunderbare Ausstellung erzählt die wechselhafte Lebens- und die enorme Wirkungsgeschichte des auflagenstärksten deutschen Autors.

Berlin. Nichts Furchteinflößendes, nichts "schrecklich Blondes" sei um Karl May gewesen, schrieb George Grosz nach einem Besuch in Radebeul, nur etwas Kühles, "leicht Frierendes" - "als stünde er immer im Winde und fröre . . ."

Ein Wunder war das nicht. Damals, im Herbst 1910, hatte May einen katastrophalen Gerichtsprozess hinter sich: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hatte dem Journalisten Rudolf Lebius bescheinigt, dass er Karl May wegen seiner Vorstrafen als "geborenen Verbrecher" bezeichnen dürfe, und in der Folge fühlte sich die gesamte deutsche Presse aufgerufen, den Erfolgsschriftsteller durch die Mangel zu drehen. Mays zweifelhafter Ruhm drang sogar in die Münchner Mauerkircherstraße, wo Thomas Mann notierte: "Mir ist nie ein Buch von Karl May zu Gesicht gekommen. Danach zu urteilen, was über ihn in den Zeitungen stand, muß er ein gar nicht uninteressanter Charlatan sein . . ."

95 Jahre nach seinem Tod kommt der Mann, der bis zum Ende von sich behauptet hatte, er sei "wirklich!" Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi gewesen, ins Museum. Das Deutsche Historische Museum zu Berlin widmet dem auflagenstärksten deutschen Schriftsteller (200 Millionen verkaufte Bücher in mehr als vierzig Sprachen!) eine wunderbare große Ausstellung, die Mays enorme Wirkungsgeschichte zwischen den von Carl Hagenbeck veranstalteten "Völkerschauen" und dem "Bravo"-Winnetou-Starschnitt vermessen will.

Es ist die erste große Karl- May-Ausstellung mit Exponaten aus dem In- und Ausland, und sie trägt den schönen Zusatz "Imaginäre Reisen". Nie war ein Titel passender, denn wie jedes ältere Kind zwischen 50 und 95 weiß, hat sich der aus dem erzgebirgischen Ernstthal stammende Sachse seine "Reiseberichte" am Schreibtisch ausgedacht.

Gegen diese Wahrheit hat May selbst sein Leben lang angekämpft. Und als er es sich endlich leisten konnte zu reisen - er brach im April 1899 zu einer 15-monatigen Grand Tour durch den Orient auf und sah sich 1908 den Osten der Vereinigten Staaten an -, hat er unterwegs die Requisiten zusammengesammelt, die die Wahrheit seiner Abenteuergeschichten beglaubigen sollten.

Ein Foto, das ihn später in seinem Arbeitszimmer zeigte und das er auch seinen Verehrern zukommen ließ, kommentierte Karl May so: "Über meinem Kopfe Winnetous Silberbüchse, links am Fenster der doppelläufige Bärentöter, am anderen Fenster der kleine Henrystutzen, das sind die drei berühmtesten Gewehre der Welt. Vom Schreibtisch herunter hängt meine Häuptlingsflagge, ein einziges Stück Baumbast, mit Menschenblut bemalt, jedes Viereck mit dem Blute eines Feindes, den ich im Nahkampf mit dem Messer erlegt habe. Darunter ein von mir nur mit dem Messer geknickter wilder Büffel. Links unten ein selbst geschossener Grizzlybär . . . Hoch oben über mir der Kopf eines Elks, aus dessen Fell dann mein Prairie-Anzug gefertigt worden ist." Dem bereits zitierten George Grosz konnte er damit aber offenbar keinen Sand in die Augen streuen. Der vermerkte später spöttisch in seinen Erinnerungen: "Man hatte . . . sofort den Eindruck, dass alle diese Dinge als Andenken auf Basaren für Schmuck und Zier gekauft worden waren. Es waren Raritäten wie im Vorzimmer eines mittelständischen Reisebüros. Es fehlte nur noch der Fahrkartenschalter und die Zeittafel."

Den Henrystutzen hatte May aus den USA importiert, den Bärentöter und die Silberbüchse hatte ihm ein gewisser Oskar Fuchs in Dresden gebaut. Erfahren sollte das keiner. Die Negative der Fotos, die ihn in voller Montur als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi zeigten, vernichtete Karl May eigenhändig 1902. Und vielleicht war es wirklich so, wie Egon Erwin Kisch nach Mays Tod in der "Literarischen Welt" schrieb: "Er hatte . . . nicht den Mut zur Wahrheit, und . . . er starb daran, dass seine Realität enthüllt worden war."

Karl Friedrich May, am 25. Februar 1842 in eine bettelarme Weberfamilie hineingeboren, ist am 30. März 1912 gestorben. Er war der Großschriftsteller der Gründerzeit. Gleichzeitig Fantast und Realist. Die Ureinwohner Nordamerikas hat er empathisch eine "hinsterbende Nation" genannt. Den Deutschen hat Karl May im 19. Jahrhundert schreibend die Welt vermessen. In der Berliner Ausstellung erschließen nun Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Zeugnisse indianischer und afrikanischer Provenienz den kulturgeschichtlichen Entstehungszusammenhang seiner legendären "grünen Bücher".

  • Karl May. Imaginäre Reisen: Deutsches Historisches Museum Berlin, 31. August 2007 bis 6. Januar 2008, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Katalog: 25 Euro