Kultouren: Teil 2 unserer Sommerserie: Mit dem Inselleser am Strand unterwegs

Der junge Mann und das Meer

Der Wuppertaler Schriftsteller Jan Drees ist der erste Inselleser von Sylt. Zur Not rezitiert er auch am FKK-Strand Gedichte.

Sylt. Alles, was Jan Drees über Sylt weiß, das gesteht der Wuppertaler Autor auch ungefragt, weiß er aus Christian Krachts Roman "Faserland". Und aus Benjamin von Stuckrad-Barres Krabbenpul-Episode beim lokalen Fischhöker Gosch natürlich, wo bekanntlich auch "Faserland" seinen Ausgang nahm und wo man, wer weiß, womöglich erst mal genug hat von naseweisen Jungautoren, die ihre Fischbrötchen allein zur literarischen Zweitverwertung konsumieren. Drees jedenfalls, ein durch Popliteratur sozialisierter Popliterat, der hier also praktisch auf den Spuren seiner Vorbilder durch die Dünen stapft, ist nicht so dumm, seinerseits ebenfalls sofort zum Imbiss zu eilen. Obwohl das seinem Auftrag keinesfalls widerspräche: Jan Drees, Jahrgang 1979, ist der erste Sylter Inselleser.

Einen Insel schreiber gibt es auf Sylt schon seit 2001, seit Literaturwissenschaftlerin und Mineralwasserquellen-Erbin Indra Wussow begonnen hat, sich mit dem "kunst:raum sylt quelle" eine Insel auf der Insel zu schaffen. Noch immer wird in der Rantumer Sylt-Quelle lokales Mineralwasser gefördert und abgefüllt, das außerhalb der Inselgastronomie zum Beispiel in der Berliner Nobelherberge Adlon auf der Getränkekarte steht. Längst jedoch wirkt das überschaubare Unternehmen wie die originelle Kulisse zum mindestens so sprudelnden kulturellen Engagement der Wussows: Im Glaspavillon finden regelmäßig anspruchsvolle Ausstellungen jenseits urlaubstypischer Aquarellquälereien statt, im Hof steht ein Strand-Lektüre-Automat, in der Wasserabfüllhalle wird vor Getränkekästen professionell Theater gespielt, und im hinteren Hallenteil fährt der Mineralwasser-Betriebsleiter die Bild- und Tontechnik beim jüngst hier einquartierten Sylter Meerkabarett.

Besonders nachhaltig jedoch ist Indra Wussows kontinuierliche Förderung der zeitgenössischen Literatur. Rund 50 Autoren kommen jedes Jahr auf ihre Einladung nach Rantum, um zwischen Deichlämmern und Abfüllbetrieb ungestört an ihren Texten zu arbeiten, darunter jeweils ein Schriftsteller, der das mit 5000 Euro dotierte Inselschreiber-Stipendium erhält. In diesem Jahr wurde der Berliner Autor Jan-Peter Bremer zum Inselschreiber bestimmt, vor ihm waren es unter anderem Terezia Mora, Feridun Zaimoglu und Juli Zeh. Alle paar Tage reisen neue Schriftsteller in Rantum an oder ab, Judith Kuckardt ist in diesem Jahr bereits zum dritten Mal da, ihr Schweizer Kollege Peter Stamm ist Debütant, Felicitas Hoppe ist Stammgast, und auch die Schottin A.L. Kennedy kommt mittlerweile jährlich. Eine Weile hielt sich das Gerücht, der Schriftsteller Thomas Hettche habe während seines Aufenthalts eine Lesung in der Sauna abgehalten: nackt in einem Waschzuber. Wie die meisten Gerüchte ist jedoch auch dieses so nicht haltbar: Es war Moritz Rinke und nicht Thomas Hettche.

Überhaupt sei Nacktheit "ein wichtiges Kriterium für Autoren", bescheinigt Peter Stamm seinem jungen Kollegen Drees beim abendlichen Feierabendwein, wenngleich er dies nicht ganz so wörtlich gemeint haben dürfte wie A.L. Kennedy in ihrem Sylter Selbstversuch, die am lokalen FKK-Strand befremdet "rasierte Seehunde" in den sich dort aalenden Freikörperkulturellen erkannte.

Auch Jan Drees, der sich am Wasser immerhin der Turnschuhe entledigt und die Jeans über die Knöchel krempelt, kann jene sonnengegerbten Körper ohne Bikininaht nicht einfach ignorieren, zumal ja gerade der direkte Kontakt sein Auftrag ist: Um den Menschen - Eingeborenen wie Sommerfrischlern - ungefragt vorzulesen, ist der Wuppertaler schließlich auf der Insel.

Ob im Linienbus der Sylter Verkehrsgesellschaft, im Schickimicki-Treff Sansibar, im TUI-Dorf, auf der Westerländer Promenade oder eben am Strand - Tag für Tag taucht Drees an unvermuteten Inselorten zum Guerilla-Lesestündchen auf. Das verlangt gelegentlich ein gewisses Fingerspitzengefühl. Einem entblößten Mittfuffziger mit "Etwas Ringelnatz gefällig?" zu kommen, erfährt unter Umständen eine ganz eigene Dynamik.

Aber warum keinen Lyrik-Lieferservice, wenn einem die fehlenden Hemmungen praktisch in die Gene programmiert sind: "Wuppertal ist ja Vertriebsvertreterstadt", weiß Drees. "Von dort aus werden seit Ewigkeiten die Kobold-Staubsauger an den Türen verkauft." Und obschon man auf Sylt nicht den Fuß in den Strandkorb schieben muss, um Gehör zu finden, ergeben sich Regeln: Vor allem schwäbischen Touristen müsse man unbedingt noch vor der Vorstellung versichern, dass sie das Vorlesen nichts kostet. Die meisten reagierten verblüfft: "Uns hat noch nie einer was geschenkt auf Sylt."

Inzwischen sei er "aus Furcht zum Menschenkenner geworden", kokettiert Drees, meint damit sein Geschick zur strategischen Vorauswahl des Publikums - und steuert schnurstracks auf die Badetücher zweier Bikini-Schönheiten aus Düsseldorf zu. Hinhocken, Sommersonnenlächeln. "Hallo, ich bin Jan Drees, ich bin hier der Inselleser!" Hat ja niemand verlangt, dass die Arbeit keinen Spaß machen soll. Abgesehen davon spricht Drees am liebsten jene Urlauber an, die ohnehin schon ein Buch oder doch wenigstens das Fernsehprogramm in den Händen halten und dem gedruckten Wort somit nicht gänzlich abgeneigt sein können. "Wir wollen ja niemanden mit Literatur terrorisieren."

Am Abend, wenn die "rasierten Seehunde" sich in ihre Ferienappartements zurückziehen, um sich die After-Sun-Lotion in die gerötete Designerhaut zu cremen, treffen sich die Künstler und Kulturschaffenden in der Sylt-Quelle zum Plausch. Die Hamburger Schauspielerin Gilla Cremer, die in Tinnum an einem neuen Stück probt, die Musiker Eduard Stan und Remus Azotei, die nicht nur in New York, sondern auch in Rantum auftreten, die Tänzerin Maren Strack, die eine Performance vorbereitet, die Autoren Peter Stamm und Gerald Zschorsch, die Hausherrin Indra Wussow und die Berliner Schauspielerin Barbara Schnitzler, die bei ihrer Lesung russischer Poesie ein doch überschaubareres Publikum bedient als Marlene Jaschke am Vorabend.

"Gehen Sie morgen wieder Leute belästigen am Strand?", fragt Schnitzler Jan Drees mit zuckersüßem Lächeln, nachdem dieser der Gesellschaft eben erst berichtet hatte, das Meerwasser sei ganz wunderbar, "wenn man erst mal eine Weile drin ist". Dass er es an diesem Tag nur bis zum Jeansaufschlag in die Wellen geschafft hat, weiß ja keiner.

"An diesem erschütternden Meere", in das nun also auch Drees seine nackten Zehen tauchte, hat schon Ende der 1920er-Jahre Thomas Mann "tief gelebt", und es ist Indra Wussow zu verdanken, dass sich in dieser Hinsicht anscheinend nicht allzu viel verändert hat. Nordsee-Nostalgie? Wer es so nennen mag. Der Wind geht noch immer über die Deiche, das Meer trotzt dem Land noch immer die Zentimeter ab, und im Literakosmos hiesiger Popkultur findet auch Fisch-Gosch zumindest theoretisch noch gelegentlich Beachtung.

Man muss nur ein paar Künstler an einer Mineralwasserquelle zusammenführen - dann schreibt sich der Sommer fast von allein.