Vertriebene Sänger, verfemte Komponisten:

Auch ein Freitod kann Mord sein

Der jüdische Dirigent Gustav Brecher arbeitete neben Gustav Mahler an der Wiener Hofoper und war in Hamburg Erster Kapellmeister. Auf der Flucht nahm er sich 1940 das Leben.

Nach der von Gustav Brecher dirigierten Uraufführung von Kurt Weills und Bert Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" schrieb der Kritiker Klaus Pringsheim, Schwager Thomas Manns, über die provozierende Finalszene mit dem Leichenbegängnis des Protagonisten Paul Ackermann, sie habe gewirkt "wie die phantastische Krönung eines gewaltigen Revolutionsdramas". Es waren nicht nur die Rechten, sondern das bürgerliche Publikum, das sich, vom eigenen schlechten Gewissen eingeholt, empörte. Der Korrepetitor der Aufführung: "Das Haus tobte derart, dass man während des gesamten Stückschlusses auf der Bühne, ich hatte dort Dienst, vom Orchester buchstäblich nichts mehr zu hören bekam. Brecher dirigierte die Oper kalkbleich zu Ende."

Die Familie des Dirigenten, Komponisten und Kritikers Gustav Brecher, geboren am 5.2.1879 in Eichwald nahe Teplitz Schönau, emigrierte 1889 nach Leipzig. Dort studierte Brecher bei Salomon Jadassohn. Richard Strauss brachte 1896 eine Tondichtung des jungen Komponisten - "Rosmersholm" - zur Aufführung. Nach seinem Debüt in Leipzig (1897) brauchte er nur vier Jahre, um neben Gustav Mahler an der Wiener Hofoper zu dirigieren. Dort bekam der junge Dirigent zum ersten Mal die starken antisemitischen Strömungen zu spüren, die seine nervliche Labilität verstärkt haben mögen.

In seinen Jahren als erster Kapellmeister des Hamburger Stadttheaters zwischen 1903 und 1911 brachte er Ferruccio Busonis "Die Brautwahl" heraus. Nach Jahren als Erster Kapellmeister in Köln und Frankfurt wurde er 1914 GMD und Operndirektor in Leipzig. Dort "begünstigte" er, wie es später in dem von Herbert Gerigk veröffentlichten "Lexikon der Juden in der Musik" hieß, "zersetzende Tendenzen, indem er u. a. Ernst Kreneks Jazzoper ,Jonny spielt auf' und Brecht-Weills ,Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny' zur Uraufführung annahm". Schon am 15. März 1933 kündigte die "Berliner Funkstunde" an, dass fortan jeglicher "Negerjazz" aus dem Programm verbannt sei.

Die "Jonny"-Oper gehörte zu den größten Theatererfolgen der Zwanzigerjahre. Nach der Premiere am 10.2.1927 wurde sie an rund 60 europäischen Bühnen aufgeführt. Brecher gehörte zu den vielen Dirigenten und Theaterleitern, die im Frühjahr 1933 nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums "legal" entlassen werden konnten.

Alfred Heuß schrieb in der "Zeitschrift für Musik" mit hämischer Genugtuung nach einer "Rienzi"-Aufführung: "Ahnungslos hat hier Brecher zum letzten Mal in einer Wagner-Vorstellung sein so kurioses Dirigentenstäblein gehandhabt."

Im Februar 1934 leitete Brecher, unterstützt von Georges Sebastian, fünf Konzerte des Leningrader Radio-Orchesters, fand aber, zumal er nicht Russisch sprach, nicht die Kraft zu einem Neuanfang. Sebastian berichtete über ein Gespräch mit dem verzweifelten Kollegen: "Die fürchterlichen Jahre in Deutschland waren eine moralische Erniedrigung für ihn. Brecher kam ganz niedergedrückt in Leningrad an. Alles, was geschehen konnte, war geschehen, aber der Erfolg nach außen war nicht da. Nach seinem zweiten Konzert saßen wir zusammen. Ich hatte durchgesetzt, ihn nominell zum Leiter des Leningrader Orchesters zu machen. Brecher sagte: ,Lieber Freund, da ist nichts mehr zu machen - es ist vorbei - in meinem Alter. Man muss doch sprechen können.' Trotz seiner Sprachbegabung konnte er kein Wort sprechen. In seinem Innern war etwas, dem er nicht gewachsen war. Er fühlte sich ständig verfolgt - er hatte die fixe Idee, dass ihn irgendwo die Nazis doch erreichen würden."

1938 floh er von Prag nach Belgien. Auf der Flucht vor deutschen Truppen nahmen er und seine Frau sich im Mai 1940 bei Ostende aus panischer Angst vor der Ausweglosigkeit das Leben. Auch ein Freitod kann Mord sein.

\* Der Musikjournalist Jürgen Kesting ("Die großen Sänger") ist Stimmexperte und Initiator der Ausstellung "Verstummte Stimmen".