Das Erfolgsgeheimnis von Zentropa

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Holger True

Filmfest Hamburg: Heute wird der Douglas-Sirk-Preis an Dänemarks größte Filmproduktionsfirma verliehen

Kopenhagen. Auszubildende, die zunächst ein halbes Jahr lang das schmutzige Fahrrad des Chefs putzen, Mao-Zitate an den Wänden und eine bis an die Decke der Eingangshalle reichende Sammlung mit den renommiertesten Auszeichnungen der Filmbranche: Die dänische Produktionsfirma Zentropa ist selbst nach den Maßstäben der schillernden Kinobranche eine absolute Ausnahmeerscheinung. Leicht nachvollziehbar also, daß heute im Grindel-Kino sie - und damit erstmals in der Geschichte des Hamburger Filmfests kein Regisseur oder Schauspieler - den Douglas-Sirk-Preis erhält.

1992 von Regisseur Lars von Trier und Produzent Peter Aalbæk Jensen gegründet, hat Zentropa sich in den vergangenen 14 Jahren mit 135 festen und bis zu 450 freien Mitarbeitern nicht nur zur größten Filmfirma Dänemarks entwickelt, sondern auch international mit herausragenden Filmen für Aufsehen gesorgt. In erster Linie durch von Triers Dramen "Breaking The Waves", "Dancer In The Dark" und "Dogville", aber auch durch Susanne Biers "Open Hearts", Lone Scherfigs "Italienisch für Anfänger" oder Annette K. Olesens "Kleine Mißgeschicke". Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Was macht Zentropa anders als andere Produktionsfirmen? Ein Besuch in Kopenhagen soll Aufklärung bringen.

In einem Vorort der dänischen Hauptstadt haben von Trier und Aalbæk Jensen ihr Imperium errichtet. "Filmbyen" lautet die postalische Adresse sinnigerweise - Filmstadt. Von der kleinen Holzhüttensiedlung für Drehbuchschreiber über fertige Sets bis zur Abteilung für internationale Vermarktung und DVD-Auswertung findet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Militärkaserne eine komplette Filmindustrie. "In der kommunistischen Partei haben Lars und ich gelernt, wie wichtig es ist, die vollkommene Kontrolle über die Produktionsmittel zu besitzen", erklärt Aalbæk Jensen mit einem Lächeln. "Das setzen wir hier um." Außenstehenden möge Zentropa gelegentlich wie eine gemütliche Hippie-Kommune erscheinen, doch sei man eher stalinistisch organisiert und setze auf extreme Produktivität. "Unser großes Vorbild ist Rainer Werner Fassbinder", sagt Aalbæck Jensen. "Mit seinem Tempo sollte man arbeiten. Natürlich hat er auch schlechte Filme gemacht, aber wer erinnert sich schon an die? Seine Meisterwerke hingegen sind unvergessen."

In Sachen Output hat Zentropa Fassbinder natürlich längst überholt. Mehr als 20 Filme entstehen hier jährlich, hergestellt von zehn unabhängigen Produktionseinheiten, die vom ersten Satz des Drehbuchs bis zur letzten Zeile des Abspanns eigenverantwortlich arbeiten - und noch nie ein Budget überschritten haben, wie Aalbæk Jensen betont. In der Regel werden nicht mehr als zwei Millionen Euro pro Film veranschlagt, was das finanzielle Risiko im Falle eines Flops minimiert. Selbst wenn internationale Stars wie Catherine Deneuve ("Dancer In The Dark") oder Nicole Kidman ("Dogville") dabei sind, explodieren die Kosten nicht. "Die bekommen nahezu keine Gage und müssen sich auch sonst mit den Gegebenheiten abfinden." Soll heißen: Mittags mit der Crew am großen Kantinentisch sitzen und zu Stoßzeiten wie jeder andere am Klo im Erdgeschoß anstehen. "An so etwas erinnern die sich kaum noch", schmunzelt Aalbæk Jensen, "aber sie arrangieren sich damit." Legendär die Geschichte eines (ungenannten) Stars, der sich per Stretchlimousine auf das Zentropa-Gelände fahren ließ - und wenig später peinlich berührt nach einem Fahrrad fragte, um künftig als Gleicher unter Gleichen am Set zu erscheinen. Das enorme Renommee von Zentropa macht's möglich.

Wobei in diesem Zusammenhang unbedingt das Dogma-Manifest von Lars von Trier und anderen erwähnt werden muß. Vor zehn Jahren veröffentlicht, hat das filmische Keuschheitsgelübde für viel frischen Wind gesorgt und auch Zentropa auf Erfolgskurs gebracht, konnte sich doch lange Zeit jeder noch so unbekannte Regisseur dank Dogma-Etikett der internationalen Aufmerksamkeit sicher sein.

Zentropa allerdings hat die Dogma-Phase inzwischen weitgehend hinter sich gelassen. Dafür dreht man jetzt neben gewöhnlichen Spielfilmen auch Pornos. Keinen schlecht ausgeleuchteten Schmuddelkram allerdings, sondern vergleichsweise Anspruchsvolles mit attraktiven Darstellern, echter (Rahmen-)Handlung und Frauen als wichtiger Konsumenten-Zielgruppe. Außerdem gibt's inzwischen auch eine Sektion mit Schwulenpornos, auf deren Qualität die Zentropa-Chefetage mit besonderem Stolz blickt.

Stillstand, soviel ist sicher, gibt es bei den Dänen nicht. "Wir wollen wild bleiben und uns ständig etwas Neues erkämpfen", beschreibt Aalbæk Jensen die dahinterstehende Mentalität. Weil das mit seinen 49 Jahren aber nicht mehr ganz so einfach sei, solle nun vermehrt der Nachwuchs ran.

Tja, wer weiß, vielleicht dreht eine, die heute noch stundenlang das Fahrrad des Chefs putzt, in ein paar Jahren schon einen Oscar-Anwärter. Bei Zentropa ist schließlich alles möglich.

Das Hamburger Abendblatt ist Medienpartner des Filmfests Hamburg 2005

  • Verleihung des Douglas-Sirk-Preises heute 19.30, Grindel-Kino, anschließend Vorführung des neuen Lars-von-Trier-Films "Manderlay"; Karten an der Kinokasse und im Internet: www.filmfesthamburg.de