Konzert auf der Trabrennbahn

Die Ärzte: Laute Doktorspiele in Bahrenfeld

Die Ärzte und Der König tanzt spielen an 24. und 25. August auf der Trabrennbahn Bahrenfeld. Die beste Band und die beste Vorband der Welt.

Hamburg. Verflucht! Drei Matchbox-Autos oder das Ärzte-Album "Das ist nicht die ganze Wahrheit ..." auf Vinyl? Eine schwere Entscheidung, wenn man im Jahr 1989 zwölf Jahre alt ist und das Flohmarkt-Budget entsprechend überschaubar. Ich habe mich dann für die Ärzte-Platte entschieden, obwohl sich das Trio aus Berlin - aus Berlin! - damals gerade aufgelöst hatte.

Aber Die Ärzte waren bei Teenagern seinerzeit immer noch ein heißes Ding. Seit ihrer Gründung 1982 hatten Farin Urlaub, Bela B. und ihre ersten beiden Bassisten, Sahnie und The Incredible Hagen, bis zur Trennung 1989 vier offizielle Alben und diverse Sammlungen und EPs veröffentlicht. Ein praller Sack Hymnen, um seine Jugend zu verschwenden. "Teenager Liebe" und "2000 Mädchen", "Zu spät" und "Westerland", "Elke" und "El Cattivo" sind die bekannteren. Aber jeder, der in den 80ern auch nur halbwegs mit den Ärzten in Berührung kam, kann bis heute auch selten gespielte Lieder wie "Der lustige Astronaut" oder "Grace Kelly" mitsingen. Wetten?

Schon damals hatten Die Ärzte das richtige Lied für jede Gelegenheit. Feminismus ("Schwanz ab"), Vegetarismus und Alkoholverzicht ("Blumen", "Vollmilch"), Bademeister ("Paul"), Sodomie ("Claudia hat 'nen Schäferhund"), die Frage nach dem Verbleib von "Buddy Holly's Brille" - Die Ärzte boten Alltagslösungen, rezeptfrei. Und, ganz wichtig für Teenager, streng verboten. Denn zu den leidenschaftlichsten Hörern dieser Deutschpunk-Ursuppe gehörte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die haufenweise "Indiziert"-Stempel für "Claudia hat 'nen Schäferhund", "Schlaflied", "Geschwisterliebe" und die entsprechenden Alben "Debil" (1984) und "Die Ärzte" (1986) verteilte. Qualitätssiegel, welche von der Band mit dem Minialbum "Ab 18" und dem Videoclip zur Sadomaso-Party "Bitte bitte" genüsslich beantwortet wurden.

Aus heutiger (!) Sicht sind die Liedchen derart harmlos, dass Bushido und Rolf Zuckowski sie im Duett singen könnten. Entsprechend wurden bis auf das inzestuöse "Geschwisterliebe" alle Indizierungen aufgehoben. Beurteilungen, dass Ärzte-Songs den Hörer "im Zustand angespannter, latenter Aggressivität" hinterlassen würden, sind im 21. Pop-Jahrhundert schwer vermittelbar.

Ein Blick auf die Bahrenfelder Trabrennbahn am 24. und 25. August (das Konzert am 25. August ist ausverkauft!) zeigt, wie familientauglich Die Ärzte sind. Drei Generationen, die Fans der 80er, 90er und 2000er, werden kommen und friedlich 30 Jahre Ärzte feiern. Klar, ein Kindergeburtstag wird das nicht. "Jazz ist anders".

Denn seit ihrer Wiedervereinigung 1993 sind Bela, Farin und der aus Belas temporärer Solo-Band Depp Jones verpflichtete Ex-Rainbirds-Gitarrist Rodrigo González "Die Bestie in Menschengestalt". Oder, wie Farin auf dem aktuellen neuen Album "auch" verspricht,: "Wir sind 'ne gottverdammte Rockmaschine." Sie beherrschen den knüppelharten Nackenbrecher mit dynamischen Bolzern wie "Unrockbar", "Junge" und "Cpt. Metal". Sie beherrschen epische Stadionkracher wie "Himmelblau", "Ignorama" oder "Deine Schuld". Sie beherrschen melodiösen Mitsing-Pop in "Lasse redn" und "Dinge von denen". Die Setlisten ihrer Konzerte pendeln zwischen 30 und 40 Songs an einem Abend, je nachdem, wie viel "ZeiDverschwÄndung" sie mit köstlichen bis debilen Ansagen und Pausenspielchen betreiben. Man braucht vielleicht nicht jedes Album von BelaFarinRod (ab 1993 einfach die aus den ungeraden Jahren wählen), aber live sind sie die beste Band der Welt - die mit Der König tanzt alias König Boris von Fettes Brot auch noch die beste Vorband der Welt mit nach Bahrenfeld bringt.

Nach der Tour kann das Trio gern pausieren. Denn eins ist sicher: "Mit uns kommt sowieso keiner mit, denn wir sind die Ärzte und wir sind zu dritt."

Die Ärzte, Der König tanzt Fr/Sa 24./25.8., jew. 18.30, Trabrennbahn (Bus 3), Luruper Chaussee 30, 25.8. ausverkauft, Karten für den 24.8. zu 39,50 im Vorverkauf; www.bademeister.com