Konzertkritik

Rap-Kollektiv Odd Future: Tanz auf dem Vulkan

Die Band Odd Future aus Los Angeles führt den Hip-Hop im Docks zurück an seine Wurzeln. Allein die Texte sind dabei kaum zu verstehen.

Hamburg. Der Türsteher vorm Docks äußert sich unmissverständlich: "Die Dinger bleiben draußen." Mit den "Dingern" meint er die Skateboards, die ein paar junge Fans von Odd Future Wolf Gang Kill Them All dabei haben. Was nicht weiter überraschend ist, da die Hip-Hop-Gruppe aus Kalifornien in der Skater-Szene eine große Fan-Basis besitzt. Auch ein paar Teenager-Mädchen haben Probleme beim Einlass, als die Ordner nicht nur die Karte, sondern auch den Personalausweis sehen wollen. Anschließend hektische Anrufe der Minderjährigen bei den Eltern, ob nicht jemand mit einer schriftlichen Erlaubnis vorbeikommen kann.

Als es dann um kurz nach 20 Uhr losgeht, müssen viele erst mal ihre Gehörgänge schützen, denn es gibt mächtig was auf die Ohren. Trash Talk, eine kalifornische Screamo-Metalband, eröffnet den Abend mit Rocklärm und Geschrei hart an der Schmerzgrenze. Doch das Publikum, eigentlich wegen einer Hip-Hop-Band gekommen, tanzt vor der Bühne wilden Pogo. Bevor Odd Future auf die Bühne kommt, muss unten auf der Toilette so mancher blauer Fleck gekühlt werden. Pogo ist anstrengend und tut manchmal auch weh.

Punkt 21 Uhr macht der DJ sich hinter seinem Pult bereit. Zwei Rapper springen wie entfesselt über die Bühne, Tyler The Creator, der Kopf der Gruppe, ist noch nicht dabei, Frank Ocean auch nicht. Minuten später sind es bereits sechs Akteure, die wie Flummis herumhüpfen.

Die Musiker von Trash Talk werden auch Teil der Show, indem sie sich mit Karacho von der Bühne in die auffangbereiten Arme der Fans stürzen und dann zurücktragen lassen. Und Tyler ist jetzt auch mittendrin. Die Fans skandieren "Wolf Gang! Wolf Gang!", es klingt wie "Wu-Tang! Wu-Tang!" Das ist das andere wichtige Kollektiv des Hip-Hops, das in den 90er-Jahren die Szene beherrschte, und an dem Odd Future sich messen lassen muss.

Konzerte der jungen Kalifornier - die meisten von ihnen noch Teenager oder gerade ins Twen-Alter gekommen - sind pure Energie, die Texte werden unisono herausgebellt, immer wieder dürfen einzelne Mitglieder dieses Kollektivs am Bühnenrand im Alleingang zeigen, wie schnell sie die Reime runterrattern können. Doch der Sound ist an diesem Abend mangelhaft, die Beats knallen nicht so, wie man es erwarten dürfte. Von den Texten sind nur Fragmente zu verstehen, hier ein "motherfucker", dort ein "fuck the police" und "break the law". Nur wer die Songs der Band Dutzende Mal gehört hat, kann erkennen, welches Stück gerade dran ist.

Trotz der technischen Unzulänglichkeiten und der Kürze des Auftritts - nach 66 Minuten ist Schluss - hat Odd Future Wolf Gang Kill Them All doch einen Eindruck davon gegeben, wie authentisch Hip-Hop heute wieder klingen kann - ohne Goldketten und das ganze "Bling-Bling" vieler US-Gangsta-Kollegen. Die Band aus Los Angeles führt Hip-Hop zurück zu seinen Ursprüngen, als er Tanzparty und Ausdruck von scharfer Gesellschaftskritik aus Reihen der benachteiligten Afroamerikaner war. Ein besseres Verständnis der Texte wäre wünschenswert gewesen, den meisten im Publikum reichte jedoch der Party-Kick.