China und Europa feiern gemeinsam die Neue Musik

Hamburg. "Bitte den Horninhalt nicht auf den Boden kippen", steht in Filzstift auf einem Stapel Noten. Die kryptische Anweisung ist nicht das Einzige, was das Publikum im Liebermannstudio zum Nachdenken bringt. Das Konzert mit der Frankfurter Avantgarde-Elitetruppe Ensemble Modern und ihren Pekinger Schützlingen Ensemble ConTempo Beijing im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist Begegnung und Nachlese, nämlich Schlusspunkt einer gemeinsamen Probenphase.

Das Programm verband chinesische und westliche zeitgenössische Musik zu einem Kaleidoskop der Stile und musikalischen Möglichkeiten. Auf so exotischen Instrumenten wie Kniegeige, Mundorgel oder Wölbbrettzither nahmen die jungen Künstler ihr Publikum gleich mit den ersten Takten von "Whispers of a Gentle Wind" von Jia Guoping (Jahrgang 1963) mit ihren Klangfarben und ihrem Zusammenspiel gefangen. Dass sie auch westlich können, bewiesen sie mit Paul Hindemiths klassizistisch-kühler Kammermusik für zwölf Soloinstrumente. Und beide Welten trafen sich bei der Uraufführung der Kammermusik "Mondlicht - Stadtmauer - Prosadichtung" von Li Bo, geboren 1988. Eine solche Versunkenheit, eine so delikate Verschmelzung der Timbres von Cello, Klarinette und Mundorgel sucht ihresgleichen.

Für sein Stück hat der Komponist den renommierten Paul-Hindemith-Preis gewonnen. Das verlängerte den ohnehin langen Abend noch um die Preisübergabe (Kultursenatorin Barbara Kisseler), Begrüßung (Intendant Rolf Beck), Grußwort (die schleswig-holsteinische Kulturministerin Anke Spoorendonk), Laudatio (Chen Xiaoyong, Kompositionsprofessor in Hamburg) und Danksagung (Li Bo).

Doch er war jede einzelne Minute wert. Das Ensemble Modern machte den geistreich-amüsanten Schluss mit Werken von John Adams und Steve Reich. Das Herz des Abends aber war John Cages "Atlas Eclipticalis & Winter Music", das beide Ensembles gemeinsam spielten. Kasper de Roo dirigierte die Musiker, die sich über den Raum verteilt hatten, mit einer Art Feldenkraisübung, indem er seine Arme sehr langsam auf und ab bewegte. Dazu spielten die Musiker einzelne Töne, die Cages Partitur weniger vorschrieb als vorschlug. Wie die Beteiligten ihre Freiheit dazu nutzten, aufeinander zu hören, das ergab eine klingende Energie, die man mit Händen hätte greifen können. Und der Hornist befolgte sogar die Bitte auf seinen Noten. Die kam nämlich von Cage persönlich.