Der Weltverschönerer

Premiere: Konstantin Weckers Hundertwasser-Musical in Uelzen uraufgeführt. Es ist eine Hommage an den Wiener Maler und Ökofreak.

Uelzen. Farbige Fliesen und verspielte Türmchen empfangen an der Heide-Haltestelle Uelzen den Gast. Die architektonische Zuckerbäckerei stimmt richtig ein auf "Hundertwasser - Das Musical". Ebenso knallbunt und putzig geriet nämlich die Uraufführung der Hommage an den weltberühmten Wiener Maler und Ökofreak im Theater an der Ilmenau. Konstantin Wecker hat die Musik zu Rolf Rettbergs Libretto geschrieben. Sie gibt der von Gerhard Weber als fantasievollen Bilderbogen inszenierten Reise durch das Leben des Weltverschönerers stimmungsvolles Kolorit, rockigen Rhythmus und Walzerschwung.

Der Liedermacher und Komponist saß bei der Premiere vergnügt in Reihe 12, amüsierte sich königlich, war voll des Lobes und wurde mit dem Ensemble zum Schluss vom Publikum begeistert gefeiert. Sein besonderer Dank galt den Chormitgliedern aus Uelzen und Umgebung. Die Einwohner am Vorhaben zu beteiligen war Weckers ausdrücklicher Wunsch gewesen.

Sie alle waren mit Feuereifer bei der Sache und beteiligten sich auf der Bühne wie im blaurot erleuchteten Zuschauerraum am raren Großereignis. Der Theatersaal gleicht einer etwas größeren Schulaula, das Herzog-Ernst-Gymnasium befindet sich gleich nebenan. Doch Bühnenbildnerin Tina Kitzing ließ alle Regenbogenfarben spielen in der von ihr entworfenen Spirale: Wie ein Zeittunnel verbindet sie Bühne und Parkett. Bekanntlich war Hundertwasser ein Feind der geraden Linien, und Kitzing versuchte sie aufzulösen, wo sie nur konnte, bastelte und pinselte mit Kostümbildnerin Petra Beyer die Ausstattung akribisch nach dem Hundertwasser-Werkkatalog.

Mehr noch als den Künstler braucht die Kunst das Marketing, verkündet Mr. Money (Theodor Reichhardt) mit keckem Hüftschwung. Seine Nummer erinnert an "Cabaret" und bleibt auch nicht Weckers einzige Hit-Anleihe. Das Profit-Credo gilt für das Verkaufsgenie Hundertwasser wie für das Musical-Business. Die parodistisch gemeinte Szene entlarvt nebenbei den Kern des gesamten Unternehmens.

Achim Conrad, mal mit, mal ohne Rauschebart, im Streifenkleid des Paradiesvogels mit Kapperl und Gartenzwerg Kunterbunt, trifft den Wiener Tonfall, aber nicht unbedingt die Töne. Er fällt stimmlich ab gegen Gertraud Wagners eindringlich gestaltete Mutter und Ansgar Schäfers rebellischen Hundertwasser-Kumpel Brô aus Paris. Das zentrale Figuren-Dreieck bildet dramaturgisch die Klammer für die Rückblende auf die einzelnen Stationen der Lebensreise. Hamburg bietet mit dem Skandal der "Endlosen Linie" Gelegenheit für eine Karikatur auf den Akademie-Kunstbetrieb. Mit dem Wiener Nacktauftritt schockt der Meister nur mehr die mozartkugelsüchtige Kulturstadträtin (Angelika Wedekind). Und in Amerika feiert er den Hundertwasser Day am 18. November 1980. Natürlich kreuzen auch Frauen seinen Weg: Amenoki (Christie Noza) und Afrika. Sängerin Georgia gehört einer der schönsten Titel das Abends: "Ticket für den nächsten Zug".

Trotzdem: Uelzen wirbt für sich mit "einem der schönsten Bahnhöfe der Welt", doch Webers Inszenierung kommt nur stellenweise über Ambition, Charme und Naivität einer Liebhaber-Aufführung hinaus. Der Anschluss ans Weltmusical ist noch nicht gelungen. Uelzen soll es jedoch Anziehungskraft bescheren. 30 Prozent der 50 000 Karten für die 67 Vorstellungen bis 30. Oktober sind verkauft, danach wird das Theater für die zweite Aufführungsstaffel im Sommer 2005 umgebaut. Das Hundertwasser-Merchandising floriert schon, eine Musical-CD gibts ab 23. September. Die Produktionsgesellschaft möchte das Projekt bis nach Wien exportieren. Ihre Rechnung müsste eigentlich nach dem Hundertwasser-Prinzip aufgehen: Die Menschen haben ein Recht auf Kitsch.

  • Bis 30. Oktober, Vorstellungen do-so im Theater an der Ilmenau, Greyerstraße 3; Ticket-Hotline: 01805 / 24 04 40. Aus Hamburg Anreise mit dem Niedersachsenticket im "Metronom".