Das bedrohte Paradies in Volksdorf

Künstlerhaus: Wo Sezessionisten baden gingen und Gebrauchskeramik für Generationen entstand. Ein Freundeskreis will Haus und Garten der Künstlerfamilie Maetzel erhalten - gefragt sind Sponsoren, Stifter und viele engagierte Bürger.

Hamburg. "An solch einem Tag kann ich mir kaum einen schöneren Ort vorstellen." Karin von Behr ist sichtlich glücklich darüber, daß sich der blühende Garten der Keramikwerkstatt Maetzel in Volksdorf im Sommer von seiner schönsten Seite zeigt und das kleine zweiteilige Backsteinhaus-Ensemble im besten Licht erscheint. Denn Natur und Wetter beglaubigen, was sie schon lange weiß: Hier schlummert eine Attraktion, von der Hamburg profitieren könnte. Wenn das Ganze erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden würde. Was momentan sehr ungewiß ist.

Karin von Behr hat dem unbekannten Kleinod in ihrem Buch "Künstlergärten in Deutschland" (Ellert & Richter Verlag, 2005) ein liebevolles Kapitel gewidmet. Dort zitiert sie auch die Keramikerin Monika Maetzel (Jahrgang 1917), die fast ihr ganzes Leben lang dort verbrachte: "Ich frage mich, ob mir immer bewußt war, daß ich bereits im Paradies gelebt habe."

Das "Paradies" war ein feuchtes Waldgrundstück, das Monikas Vater Emil Maetzel (1877- 1955) vor 100 Jahren von einem kleinen Erbe erworben hatte - was dessen Mutter nach der Erstbesichtigung schockierte: "Ach mein Junge, jetzt hast du das schöne Geld in den Sumpf geschmissen", soll sie geklagt haben. Doch der Architekt Emil Maetzel, der den Bau des Hauptbahnhofs mitgeleitet hatte, Maler, Graphiker, Bildhauer war und als Oberbaurat unter Fritz Schumacher das "Neue Bauen" in Hamburg forcierte, hatte eine Vision. Für seine Familie, die Malerin Dorothea Maetzel-Johannsen (1886-1930) und die vier Kinder, baute er im Eichenwald 1924 ein Sommerhaus und verband dieses 1926 mit einem Wohnhaus. Auf einer Lichtung dahinter war schon vorher zur Entwässerung ein kreisförmiger Teich entstanden, den Maetzel wegen der Himmelsspiegelungen auf der Oberfläche "das Auge Gottes" nannte.

Der Garten am Stadtrand wurde in den 20er Jahren zum Ausflugsziel der vitalen expressionistischen Künstlergruppe, die sich als "Hamburgische Sezession" organisiert hatte. Deren zeitweiliger Vorsitzender war Emil Maetzel. "Das war ein unbürgerlicher Haufen damals, so ähnlich wie Hippies", erzählt die Kunsthistorikerin Friederike Weimar, die sich auf den ersten Blick in das Künstlerhaus verliebt hat und sich für dessen Bewahrung engagiert. "Es wurde eine Art Naturanbetung praktiziert. Die Gäste badeten nackt, und es kam schon mal vor, daß die Maetzel-Kinder am Morgen nach einem ausschweifenden Fest den Maler Fritz Flinte fanden, der in einem Gebüsch seinen Rausch ausschlief. Das Ganze erinnerte an die Treffen der Brücke-Maler am Moritzsee und findet sich noch als Motiv in einigen Bildern wieder."

Nach dem frühen Tod Dorothea Maetzels und den Sanktionen der Nazis gegen Emil, die den Oberbaurat suspendiert und ein Malverbot ausgesprochen hatten, wurde es ruhig im Maetzel-Haus. 1947 eröffnete Tochter Monika ihre Werkstatt, die seither Gebrauchskeramik auf hohem Niveau herstellt. Im Laufe der Jahre hat "Monja", wie die Jüngste gerufen wurde, 45 Lehrlinge ausgebildet. Und es wucherte ein zauberhafter Garten mit kontemplativen Plätzen wie der von Rhododendren gesäumten Gedenkstätte oder dem "Auge Gottes".

Doch das Paradies in Volksdorf ist bedroht, denn Monika Maetzel mußte 2003 in eine Seniorenresidenz umziehen. Ihre Werkstatt wird von der Meisterin Birgit Best mit zwei Auszubildenden weiterbetrieben. Doch es ist unwahrscheinlich, daß es so weitergehen kann wie bisher, wenn Monika Maetzel nicht mehr lebt. Die Nachfahren werden das 7000 Quadratmeter große Waldgrundstück verkaufen müssen.

Deshalb haben einige Volksdorfer im Herbst 2003 den "Freundeskreis Künstlerhaus Maetzel" gegründet, der die Anlage erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen will. "Es gibt eine besondere Beziehung der Volksdorfer zu diesem Ort. Viele sind seit Jahrzehnten Kunden in der Werkstatt, der Nachwuchs ist mit ,Monja' Maetzels Kinderbechern und Müslischalen aufgewachsen", sagt Karin von Behr. Und Propst Helmer Christoph Lehmann, Erster Vorsitzender des Freundeskreises, fügt hinzu, daß die Kunsthandwerkermärkte im Garten zu "wunderschönen Festen" wurden.

"Dem Ganzen liegt der Gedanke des Gesamtkunstwerks zugrunde", erzählt Karin von Behr. "Etwas Vergleichbares gibt es in Hamburg nicht mehr. Es ist also wichtig, diese Anlage für die Öffentlichkeit zu erhalten." Dabei wird es mit schlichtem Erhalten nicht getan sein: "Es ist Zeit, etwas zu tun", sagt von Behr. "Die Häuser müßten saniert werden. Seit 70 Jahren wurde kaum investiert. Klar ist, daß wir nur etwas bewegen können, wenn wir anderthalb Millionen Euro durch Spenden zusammenbekämen - ideal wäre die Hilfe eines Sponsors oder einer Stiftung." Der Freundeskreis wiederum würde eine Betriebsgesellschaft gründen, Ausstellungen gestalten und ein Cafe eröffnen. Klar ist, daß die Keramikwerkstatt, die sich selber trägt, das Herzstück des Hauses bleiben müßte.

"Es wäre schön, wenn wir das Haus mit Vorträgen und Führungen lebendig erhalten könnten", sagt Friederike Weimar. Karin von Behrs Vorstellungen gehen noch weiter: "Mein Traum ist es, daß das Künstlerhaus Maetzel, wenn die Finanzierung gesichert wäre, als kleines Expressionismus-Museum eine Dependance des Museums für Kunst und Gewerbe werden könnte." Mögliche Attraktionen sind Emils Maetzels Sammlung sogenannter Negerplastiken, die noch im Besitz der Familie ist, dazu Bilder des Malerpaares sowie Leihgaben aus der reichen Sezessionisten-Sammlung der Haspa. Das alles klingt kühn, doch die Sprecher des Freundeskreises glauben an die Begeisterungsfähigkeit der Volksdorfer: "Die Menschen hier sind sparsam, aber wenn ein Projekt sie überzeugt, sind sie engagiert und großzügig. Deshalb konnte das Schwimmbad gebaut, das Koralle-Kino neu etabliert und eine neue Glocke für die Kirche am Rockenhof geweiht werden." Auch im Kleinen läßt sich Großes bewegen.

  • Freundeskreis Künstlerhaus Maetzel. info@kuenstlerhaus-maetzel.de, Tel. 27 88 69 43; Keramikwerkstatt Monika Maetzel, Langenwiesen 15, Mo-Fr 9-16 Uhr; Telefon 603 49 51.