So machen's die Amerikaner

Konzerthaus: Ein Besuch in der weltberühmten Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. Hamburg denkt über die Elbphilharmonie nach - das Pendant in Los Angeles floriert.

Los Angeles. In anderen Stadtteilen von Los Angeles kann's ungemütlich werden, wenn ein Jeep abbremst, eine Seitenscheibe heruntersurrt und sich jemand zielstrebig aus dem Fenster beugt. Aber an der 111 South Grand Avenue/ First Street in Downtown muß man sich wohl keine Sorgen um Leib oder Leben machen. Da geht's nur um Schnappschüsse aus einer Touristen-Kamera. Dad fährt, Junior drückt auf den Auslöser, Mom freut sich. Das Motiv: die weltbekannte Walt Disney Concert Hall, jenes atemberaubend aufgebauschte Segelknäuel aus Stahl, das Star-Architekt Frank Gehry vor seinem noch bekannteren Guggenheim-Museum Bilbao entworfen hat.

Hollywood mag seine weißen Buchstaben auf einem Hügel haben, der Rest von Los Angeles hat das hier als glitzernde Kultur-Ikone. 16 Jahre dauerte der Anlauf bis zur Eröffnung im Herbst 2003. Aus den 50 geschenkten Millionen, mit denen Walt Disneys Witwe Lilian 1987 den finanziellen Grundstein legte, wurde dank etlicher Probleme und Kompetenz-Rangeleien ein Endpreis von 274 Millionen Dollar. Doch jetzt ist der Saal da, floriert und rechnet sich. "Build it and they will come", so lautete 1997 ein ganzseitiger Anzeigen-Appell in der "LA Time". Baut das Ding endlich, dann kommen die Leute schon. Die Unterstützer von damals, die damit auch das LA Philharmonic Orchestra aus seinem Elend im akustisch miserablen Dorothy Chandler Pavillon erlösen wollten, sollten recht behalten. Die Gegend, ansonsten ein trostloses Niemandsland aus Bankentürmen, verwandelt sich. Schräg gegenüber steht das hochkarätige Museum of Contemporary Art, nach und nach trauen sich Geschäfte und private Mieter in die Gegend, die zuvor nur zugebautes Brachland war.

Mittlerweile hat die Walt Disney Concert Hall zwei Spielzeiten hinter sich. Alltag ist eingezogen. Das Programm an diesem Sonntag ist dennoch Chefsache: Der Finne Esa-Pekka Salonen, seit 14 Jahren Motor des LA Philharmonic, dirigiert in der Reihe "Beethoven Unbound" die Sechste und die Vierte. Fideler Applaus zwischen den Sätzen belegt, daß nicht wenige im Publikum keine geübten Konzertgänger sind. Doch darum geht's hier, bei allem Beharren auf höchster Qualität, nicht unbedingt, denn im Entertainment-Moloch Los Angeles konkurriert Salonens Weltklasse-Band mit Hollywoods Massenware, mit MTV und iPods.

Für diese Aufgabe hat Salonen eines der besten Instrumente unter seinen Füßen: einen Saal, der genausogut aussieht, wie er klingt. Inspiriert von der bahnbrechend anderen Weinberg-Optik der Berliner Philharmonie und ausgerichtet an der Klangqualität klassischer Schuhkarton-Säle wie dem Wiener Musikverein, hat Yasuhisa Toyota (siehe Interview unten), der momentan auch über der Akustik der Hamburger Elbphilharmonie brütet, eines seiner Meisterstücke abgeliefert. Die Trennschärfe im Orchesterklang ist enorm, der Sound ist warm, direkt und klar. Die ersten Proben-Wochen dürften Salonens Musiker damit verbracht haben zu lernen, wieviel man in der neuen Heimat NICHT mehr spielen muß, weil alle alles hören. Orchester mit schwachen Nerven sollten es sich gut überlegen, in einem solchen Saal spielen zu wollen.

"Am besten", erzählt "LA Times"-Kritiker Mark Swed, "funktioniert der Saal bei großem, spätromantischen Repertoire." Wenn er zeigen kann, wieviel er spielend wegsteckt, ohne sich die Belastung anhören zu lassen. Die anfänglichen Probleme mit elektronisch verstärkter Musik, die auch deswegen entstanden seien, weil man nicht in diese Richtung geplant habe, habe man inzwischen in den Griff bekommen. Ganz weit oben, neben dem großen Glasfenster, durch das Tageslicht in den Saal fällt, befinden sich Führungsschienen, an denen dezente Vorhänge das Manko beheben. Bei elektronisch verstärkten Konzerten senkt sich ein Lautsprecherbündel aus dem Bühnenhimmel, auf den Bühnen werden je nach Bedarf zwei Lautsprecher-Bündel aufgestellt, die nach allen Seiten abstrahlen. Es geht also, man ist aus den Fehlern klug geworden. Inzwischen gibt es neben dem klassischen Orchester-Sortiment, Barockem, Kammermusik und Solo-Abenden auch Pop, Crossover, Jazz und Weltmusik. 20 Prozent der Konzerte haben nichts mit Opuszahlen im Sinn.

Vor dem Betreten des Saals wird Showbusiness, Sponsorenpflege und Eigenwerbung großgeschrieben. An fast allen Ecken sind Schriftzüge der Geldgeber angebracht, tagsüber sind Führungen oder Audio-Rundgänge durch das Gebäude möglich, es gibt Education-Programme für Kinder und Erwachsene. Vor Konzertbeginn wurde in einer Nische des Foyers eine Show abgeliefert, bei der Musikwissenschaftler alter Schule verstört in die nächste Notenbibliothek flüchten würden. Links neben dem Dozenten, der wie ein Heizdeckenverkäufer über seine Bühne tobt, steht ein Flügel, rechts ein Apple-Laptop zum Einspielen von Musikbeispielen. Nach nicht einmal einer Minute erntet er die ersten Lacher, und Beethovens Themenverarbeitung in einem Atemzug mit Charlie Browns tragikomischen Baseball-Versuchen zu nennen, das muß man sich erst mal trauen.

Im "LA Phil Store" bekommt man neben CDs auch Bach, Wagner, Mozart und - passend zum Beethoven-Programm - "Lil' Ludwig" als Spielzeugfiguren. Zwei Treppen höher, eine wurde von Henry "Moon River" Mancinis Familie finanziert, könnte man auf ein Gläschen in der Fördererlounge vorbeischauen. Doch der freie Eintritt dort kostet 75 000 Dollar jährlich. Mindestens. Willkommen in Los Angeles.

  • Internet: www.laphil.org