Als Bräune in Mode kam

Endlich Sonne - und damit Chance auf bronzefarbene Haut. Dabei galt Blässe mal als vornehm. Erst in den Dreißigern kam die Sonnencreme auf den Markt - und mit ihr immer höherer Lichtschutz

Evi wollte nur das eine: braun werden, knackebraun! Und um dieses Ziel möglichst schnell zu erreichen, rieb sie sich mit Speckschwarten ein. Ja, mit Speckschwarten! Schon bevor sie sich mit ihrer Mutter frühmorgens an den Strand aufmachte. Evi muss um die siebzehn gewesen sein. Oder war sie erst vierzehn oder fünfzehn? Alle Jungen am Strand, auch mein Bruder, waren in sie verknallt. In ihre blonden Locken, ihren knappen Bikini, ihren Po, ihren Berliner Zungenschlag. Viele Sommer waren Evi und ihre Mutter unsere Strandkorbnachbarinnen. Aus dem Kofferradio trällerte "Poupée de cire, poupée de son", der Grand-Prix-Song 1965 von France Gall. Der höchste Sonnenschutz trug damals den Faktor 3.

Braun zu werden war wichtiger, als sich zu erholen. Braun zu sein bewies, dass man es sich leisten konnte, in Urlaub zu fahren oder dass man zumindest einen Sonnenbalkon besaß. Wer weder mit dem einen noch mit dem anderen punkten konnte, griff heimlich zu Tamloo-Lotion und war entzückt, wenn der Gemüsemann fragte: "Oh, wieder in Spanien gewesen?" Ich hatte einen Onkel, der auf selbstbräunende Weise viele Mittelmeerstrände "bereiste".

Sich mit Schutzbrille vor die Höhensonne zu setzen, war ein anderer Weg zum künstlichen Glück. Ging allerdings oft schief. Verführte doch die Sucht nach Bräune dazu, die Heizdrähte auf höchste Stufe zu stellen und statt der empfohlenen fünf Minuten waghalsige fünfzehn zu wählen. Zum Karneval kein Problem. Passte perfekt zum beliebten Indianerkostüm. Aber außerhalb der fünften Jahreszeit? Dann doch lieber Speckschwarten. Schon nach wenigen Tagen sah Evi aus wie die Diva auf den Werbeplakaten von Delial.

Schon 1933 hatte Delial als erste "Lichtschutzsalbe" auf sich aufmerksam gemacht. An allen deutschen Stränden wurde die Errungenschaft über Lautsprecherwagen unters Volk gebracht. 1935 testete Eugène Schueller, Firmenchef von L'Oréal, Öle aus Kokos, Erdnuss und Oliven als mögliche Ingredienzien für einen Sonnenschutz und kreierte bereits ein Jahr später Ambre Solaire.

1938, als sich der schweizerische Chemiestudent Fritz Greiter beim Erklimmen des Piz Buin einen kräftigen Sonnenbrand zuzog, wurde eine dritte Marke geboren. Doch bis die angestrebte Konsistenz stimmte, verging noch eine Weile. 1946 erst kam Greiters Piz Buin auf den Markt. Heute sind über dreitausend Sonnenschutzprodukte im Angebot. Der höchste Sonnenschutzfaktor trägt aktuell die Zahl 50 plus.

In vielen Büchern, darunter "Gesund und schön durch Sonne" (1976) von Helena Rubinstein, wird Coco Chanel als Urheberin des Gesinnungswandels, welcher die Bräune plötzlich zum Nonplusultra erhob, mit Lorbeeren umkränzt. Coco Chanel, die nach eigenem Bekunden dem Körper der Frau seine Freiheit wiedergab, habe den gebräunten Teint salonfähig gemacht.

Tatsächlich sorgte die Mode-Ikone für Schlagzeilen, als sie nach einer Sommerreise an Bord der Yacht des Duke of Westminster "schockierend" braun gebrannt nach Paris zurückkehrte und dies bewusst zur Schau stellte. Später erklärte sie ihrem Biografen Paul Morand: "Ich war die Erste, die so gelebt hat, wie es dem Jahrhundert angemessen war."

Der Aufstieg der Sonnencreme gegen Ende der Weimarer Republik hatte indes viele Gründe. Einer davon lag im gewachsenen Bedürfnis, die freie Zeit im "Licht-Luft-Bad" zu verbringen - mit Radfahren oder Wandern, Gymnastik oder Bergsteigen, Schwimmen oder Bernsteine suchend am Strand. Und da all diese sportlichen Aktivitäten im deutlich gelockerten, vom wilhelminischen Staub befreiten Outfit stattfanden, war Schutz vor Sonnenbrand für die nun hüllenlosen Hautpartien erforderlich.

Das erkannte die Kosmetikbranche und nutzte es gewinnbringend für sich. Allen voran die Hamburger Firma Beiersdorf. Sie deklarierte ihre Hautcreme Nivea, deren steile Karriere schon vor dem Ersten Weltkrieg begann, flugs in Sonnenschutz um, ohne am Doseninhalt auch nur ein Gramm zu ändern. Der Verkauf lief blendend, dank strahlender Plakate auf Litfaßsäulen mit Badeschönheiten am Felsenrand, träumend in praller Sonne mit Blick über das Meer.

Die "wundervoll bronzene Hauttönung" war zum Neidischwerden. Sollte sie auch. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Braunste im ganzen Land? "Ein Braun, nach dem man sich umsieht", lautete der Slogan von Zeozon. Und der Berliner Theaterschminke-Spezialist Leichner − mit goldener Krone über dem "i" − reimte zu seiner "Freiluftcreme", die wie Nivea lediglich abdeckte: "Sie schützt beim Sport, sie schützt am Strand, vor rauer Luft und Sonnenbrand". Schützende Filter gegen ultraviolette Strahlen besaß erst Delial.

Und wie war es um Sommersprossen bestellt? Noch um 1900, als makellose Marzipanhaut den Ton angab und der Sonnenschirm als Sun-Blocker par excellence ein unerlässlicher Begleiter jeder anständigen Dame war, kamen Sommersprossen einer Katastrophe gleich und wurden in einem Atemzug mit Ausschlag, Pickeln und Mitessern verdammt.

Boris Becker, Rita Pavone, Pippi Langstrumpf, Prinz Harry hätten schlechte Karten gehabt. Keiner hätte sie angeguckt. Bleichmittel sollten die "hässlichen Flecken" vertreiben, "Toiletten-Crèmes" sie übertünchen, in hoffnungslosen Fällen wurden Sommersprossen unter einer Maske versteckt, dass den Gesichtern Lachen und Weinen verging.

Wer schön sein will, musste schon immer leiden. 1941 wurden die fröhlichen Punkte, die bloße Pigmentstörungen sind, rehabilitiert − vom großen Wiener "Unterhalter am Klavier", Peter Igelhoff:

"Ich bin ganz verschossen

in deine Sommersprossen

die kleinen und die großen ..."

Die Neue Deutsche Welle küsste den Song wieder wach.

Im Begriffsdschungel von UV-A und UV-B, LSF, SPF, Vitamin E, Ozonloch, Allergien, freien Radikalen und sonstigen Ungeheuern findet man sich heute kaum noch im Sonnenschutz zurecht. Wie schlicht und ergreifend ging es da noch 1911 zu, als Anna Fischer-Dückelmann in ihrem 971-Seiten-Bestseller "Ärztliches Nachschlagebuch für die Frau" frohlockte: "Wie jauchzt die Menschheit auf, wenn es wieder Frühling wird und wenn nach langer Trübe die Sonne wieder hell am Himmel scheint! Wie die Mücken und Käfer tummeln sich auch die Kinder am liebsten im Sonnenschein, und alles badet und genießt die Sonnenstrahlen!"

Weil Speckschwarten nicht so furchtbar gut dufteten, wechselte Evi zu Sonnenmilch und bräunte unverschämter denn je. Im Tretboot mit meinem Bruder erkundete sie weit draußen die Ostsee. Derweil laborierte die Kosmetikindustrie an wasserfestem Sonnenschutz, an Sonnenspray, Sonnengel und Lotionen für "danach", so spazierten die Wörtchen After und Après in den deutschen Wortschatz.

In the summertime - voilà!