Nachruf: Wolfgang Wagner

Eine Ära geht zu Ende: "Er wird der Opernwelt fehlen"

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Hamburger Sänger, Musiker, Regisseure und Wagner-Fans erinnern sich an den Gralshüter des Grünen Hügels von Bayreuth.

Klaus von Dohnanyi , Hamburger Altbürgermeister, seit 1973 regelmäßig Besucher der Festspiele in Bayreuth: "Wolfgang Wagner war mehr als nur ein Enkel, der das Werk seines genialen Großvaters verwaltete. Dieser war ein zutiefst politischer Künstler gewesen. Demokrat, sozialer Revolutionär und Antikapitalist. Sein Werk hat diese politische Stoßrichtung bis heute nicht verloren. Richard Wagner, allerdings, entfernte sich davon im Laufe seines Lebens, und so ließen sich Werk und Schriften auch nationalistisch und antisemitisch missbrauchen. Es war Wolfgang Wagners Verdienst, dass er, ohne den Blick auch von diesem Teil der Geschichte Bayreuths abzulenken, in harter und hingebungsvoller Arbeit Bayreuth wieder zu dem gemacht hat, was das Werk Richard Wagners zu sein verdient: ein internationaler Treffpunkt der Bewunderer eines Gesamtkunstwerkes, dem in der Welt nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen wäre. Deutschland und Deutschlands Musikfreunde versammeln sich in diesen Tagen trauernd und dankbar für Wolfgang Wagners Leben und Werk."

Jürgen Flimm , Intendant der Salzburger Festspiele (von 1997-2004 in Bayreuth, inszenierte dort den Ring): "Einmal hatte ich einen Heidenkrach mit Wolfgang Wagner. Wir haben uns nicht einmal mehr angeschaut. Eines Tages stand mein Auto in einem der Innenhöfe unter einem kleckernden Lindenbaum. Ich stand etwas verzweifelt davor, als sich hinter mir eine raunzige Stimme erhob: "Na, Flimm, soll i mi kümmern um des Audo'" Ich bedankte mich herzlich, von da an sprachen wir wieder miteinander. Er war ein sehr knurriger Mann. Einer seiner Sätze, die sich immer wiederholten, war: 'Na, das hat mein Großvater so nicht gewollt, und das hat er so nicht gemeint.' Auf den Proben hatte das Ehepaar Wagner immer stumm wie die Fische gesessen. Nach meiner Premiere von "Rheingold" und "Walküre" gab es Jubel, Bravos und Getrampel. Das Ehepaar Wagner blieb stumm. Als nach "Siegfried" einige Buhs ertönten, klopfte mir Wolfgang auf die Schulter und sagte: ,Ja, hm, Flimm, jetzt ham's die Weihen.'"

Ulla Hahn , Schriftstellerin, regelmäßige Bayreuth-Besucherin: "Anfang der Neunzigerjahre bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Wir holten auf dem Hügel unsere Karten ab, da eilte er über den Festspielplatz, erkannte meinen Mann - und verwickelte uns gleich in ein Privatissimum über den ,Parsifal'. Eifrig erklärte uns Wolfgang Wagner, warum Kundry immer zu kurz komme. In seiner Inszenierung darf sie am Ende den Gral heben. Gleichberechtigt in einer Männergesellschaft. Auch dafür habe ich ihn geliebt."

Sebastian Gaede , Cellist der Hamburger Philharmoniker, seit 1995 fast jedes Jahr im Bayreuther Festspielorchester: "Er war ja überall, mit seinem Spazierstock, hat mit jedem gesprochen, auch in der Kantine. Man hatte totale Ehrfurcht, wenn man ihn traf - das Gefühl: Sag bloß nichts Falsches. Er hat sich um jedes Detail gekümmert, sogar wenn Klopapier auf den Toiletten fehlte. Das hat er notfalls auch selbst hingebracht, nach dem Motto: Wenn man's nicht selber macht, macht's keiner."

Simone Young , Intendantin der Hamburgischen Staatsoper, arbeitete 1991-95 mit Daniel Barenboim in Bayreuth am "Ring" und am "Tristan": "Die Hamburgische Staatsoper und die Philharmoniker Hamburg drücken ihr herzliches Beileid zum Tod Wolfgang Wagners aus. Seine charismatische Persönlichkeit wird der Opernwelt sehr fehlen. Seit Jahrzehnten war er Körper und Geist der Bayreuther Festspiele und hat Generationen von Künstlern und Publikum mit seinem Engagement begeistert."

1. ONLINE-TAGEBUCH ZU DEN RICHARD-WAGNER-FESTSPIELEN 2009

2. HINTERGRUND: DIE RICHARD-WAGNER-FESTSPIELE

Udo Bermbach , Professor, Wagner-Experte: "1988 lernte ich ihn kennen. Er hatte meinen ersten Aufsatz für die Bayreuther Programmhefte, wollte wissen, wie ein Politologe zu Richard Wagner kommt. Danach gab es Jahr für Jahr lange Gespräche, besonders als die Vorbereitungen zum Flimm-Ring liefen. Als wir uns in seinem letzten Festspielleiter-Jahr trafen, inmitten der Nachfolge-Diskussion, fragte ich, wie es ihm so gehe. Antwort: 'Hervorragend - das ärgert die anderen ja so!'"

Peter Dannenberg , Ex-Intendant der Hamburger Symphoniker, fährt seit 1960 nach Bayreuth: "Über Wolfgang Wagner kursieren mehr Legenden als Wahrheit, er wird immer als grantig dargestellt. Ich habe ihn freundlich erlebt, besonders bei den jungen Leuten - er hat sich sehr eingesetzt für Götz Friedrich, zu ihm gestanden gegen Franz Josef Strauß. Er hatte Visionen. Nur mit dem Deutsch gab es Schwierigkeiten. Sein Vater Siegfried Wagner hat zu ihm gesagt: 'Wenn du auch sonst nichts wirst - ein Lehrstuhl für Oberfränkisch ist dir sicher.'"

Melanie Jung , Oboistin bei den Hamburger Philharmonikern; ihr Vater Manfred Jung sang 30 Jahre lang in Bayreuth als Solist, ihre Mutter im Chor: "Er sorgte dafür, dass Kinder von Solisten bei den Eltern sein konnten. Das Festspielhaus war mein liebster Spielplatz. Ich war sogar als Statistin in seinen letzten ,Meistersingern' dabei. Er lebte vor: Erfolg schafft man, wenn man mit den Menschen gut umgeht. Seinen Satz ,Schon dich, mein Guter' hab ich noch im Ohr. Ich weiß nicht, ob ich ohne seinen Einfluss so enthusiastisch Musikerin geworden wäre."

Peter Schmidt , Gestalter und Bühnenbildner, geboren in Bayreuth: "Als ich 1951 zum ersten Mal in eine Generalprobe kommen durfte, war die fürs Publikum geschlossen. Ich beschwerte mich bis zu Wolfgang Wagner und Wieland. Der sagte: ,Lass den Buben doch rein.' Meine erste ,Götterdämmerung' - mit persönlicher Erlaubnis von Wolfgang. Einmal traute ich bei der Auffahrt zum Festspielhaus meinen Augen nicht: Er saß auf dem Gehsteig und schaute vergnügt den Autos zu, irgendwo zwischen Richard Wagner und Hausmeister."

Siegfried Jerusalem , Tenor, sang von 1977 bis 2000 in Bayreuth: "Ich habe unter seiner Regie in den ,Meistersingern' und im ,Parsifal' gesungen. Er war sicher nicht der stärkste Regisseur - Chéreau, Kupfer, Schlingensief haben größere Ideen. Aber er war der ideale Festspielleiter. Er hat auf seine Sänger und Künstler geachtet, stand hinter ihnen. Er war überall, man wusste nie, ob er nicht um die nächste Ecke biegt. Und er konnte richtig lospoltern - vor allem, wenn jemand rund ums Festspielhaus Karten überteuert weiterverhökern wollte."

Hellen Kwon , Sopranistin an der Hamburgischen Staatsoper, 1988 Blumenmädchen im Bayreuther "Parsifal": "Ich erinnere mich an mein Vorsingen im Festspielhaus. Ich sang die erste Arie der Königin der Nacht aus der ,Zauberflöte', und seine Stimme sagte aus dem Dunkel: ,Gell, Sie sind engagiert - Blumenmädchen im ,Parsifal'. Mein Großvater hat ja für Ihre jetzige Stimme nicht so viel geschrieben.' Da hatte er recht. Und heute singe ich die Senta im ,Fliegenden Holländer'."

C laus Guth , Regisseur des Bayreuther "Tristan" und beim Hamburger "Ring des Nibelungen": "Die Klarheit seiner Augen - die geradezu kindliche Begeisterungsfähigkeit - der aufbrausende Zorn - sein Mut - die unglaubliche - und menschliche Präsenz eines Intendanten. All diese Bilder blitzen auf, wenn ich vom Tode Wolfgang Wagners höre. Meine tiefe Anteilnahme gilt seinen Kindern."

Thomas Gottschalk aus dem Chor der Hamburgischen Staatsoper, seit 2003 Tenor im Bayreuther Festspielchor: "Ich hab ihn noch erlebt im Chorsaal. Er hat alle Abteilungen begrüßt und verabschiedet zu Beginn und Ende der Festspiele. Da gab es schon mal Standing Ovations. In einer Generalprobe gab es mal einen Buhruf. Er ging auf die Bühne, brachte den Applaus zum Schweigen: ,Der Buhrufer möchte sich in 15 Minuten in meinem Büro melden.' Als ich in den ,Meistersingern' mitsang, hab ich mir ein Autogramm von ihm geben lassen."

Gabriele Schnaut , Sopranistin, hat in mehr als 100 Vorstellungen in Bayreuth gesungen: "Ich wurde noch als Studentin in Bayreuth engagiert und erinnere mich, dass er schon damals interessiert war, Sängernachwuchs aufzubauen. Er war einrichtiger pater familias, man konnte mit allen Problemen zu ihm kommen. Er hat sich wirklich um das Theater gekümmert, ging manchmal noch abends mit den Schlüsseln ums Festspielhaus, um zu schauen, dass alles abgeschlossen ist. Mit seinem Tod geht eine Ära zu Ende."