Der Tag, an dem Doris Heinzes Pseudonym zum Problem wurde

Im Prozess werden die Vorgesetzten der Ex-NDR-Frau gehört

Hamburg. Am 19. August 2009 gab es einen Moment, in dem sich alles in der Schwebe befand. In dem sich die Katastrophe noch als Unannehmlichkeit hätte entpuppen können, nicht weiter der Rede wert. An diesem Nachmittag kam Doris J. Heinze - alarmiert durch eine Anfrage der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) - zu ihrem damaligen Vorgesetzen Thomas Schreiber, Leiter des Bereichs Fiktion und Unterhaltung beim NDR. Sie müsse ihm mitteilen, so Heinze, dass es sich bei dem Pseudonym Niklas Becker, nach dessen wahrer Identität die SZ fragte, um ihren Ehemann Claus Strobel handelte. Die Frau hinter dem Pseudonym Marie Funder, um dessen Offenlegung die SZ auch bat, sei die Münchner Agentin Inga Pudenz.

Diese Episode berichtete NDR-Fiktionschef Schreiber am dritten Verhandlungstag des Prozesses in die Drehbuchaffäre rund um Doris Heinze, die wegen Bestechlichkeit und Betrug angeklagt ist. Es blieb bekanntlich nicht bei diesem Eingeständnis der Fernsehspielchefin, die wenig später zugeben musste, dass nicht ihre Agentin Pudenz, sondern sie selbst hinter Marie Funder steckte und demzufolge zu hohe Summen für Drehbücher kassiert hatte. Die sogenannte 50-Prozent-Klausel sieht vor, dass Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender anstelle des vollen Honorars nur die Hälfte beziehen.

Schreiber war nach WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff der zweite Zeuge, der im Heinze-Prozess gehört wurde; beide bestritten, von den Pseudonymen Funder und Becker und deren wahren Identitäten gewusst zu haben. Als Heinzes Vorgesetzte - Schreiber ab 2007, Kulenkampff in den Jahren zuvor - kannten sie zwar Verträge mit den Autoren Becker und Funder sowie deren Drehbücher, sie hätten sich allerdings nie gefragt, ob hinter diesen Namen anstelle realer Personen Pseudonyme stecken könnten, so beide Zeugen. Heinze bestätigte im Prozess, dass sie die in der NDR-Hierarchie Höhergestellten nicht informiert und damit getäuscht hätte.

Vielleicht wurde Marie Funder, die laut ihrer erfundenen Biografie an der Ostküste Irlands lebt und in den frühen Dreißigern ist, am 20. Juli 2000 geboren - jenem Tag, an dem der damalige NDR-Intendant Jobst Plog eine E-Mail an Heinze und ihre Vorgesetzten mit dem Inhalt schrieb: Die Leitung des Hauses habe durchaus ein Problem damit, dass eine Redaktionsleiterin zugleich als Drehbuchautorin tätig sei. Das war zu einem Zeitpunk, nachdem Heinze unter anderem erfolgreich Drehbücher u. a. mit Hape Kerkeling für den NDR geschrieben hatte.

Nach dem dritten Verhandlungstag, der sich von neun Uhr früh bis in den späten Nachmittag zog, scheint sich die Strategie der jeweiligen Verteidiger anzudeuten. Der Anwalt der Produzentin Heike Richter-Karst, die gemeinsam mit Doris Heinze auf der Anklagebank sitzt, will seine Mandantin als beruflich abhängig von der Fernsehspielchefin darstellen. Als Bittstellerin, die auf das Wohlwollen der mächtigen NDR-Frau angewiesen war. Heinzes Anwalt Gerd Benoit wiederum versucht, seine Mandantin vor allem als Angestellte zu präsentieren, weniger als Amtsträgerin und ranghohe NDR-Mitarbeiterin. Je weniger Macht, desto vorteilhafter. Je undurchsichtiger und wechselhafter all die Klauseln, die Verträge, die Heinze als Drehbuchautorin zu berücksichtigen hatte, desto besser.

Heinze, die selbst in den letzten Minuten des Prozesses gehört wurde, bestritt am Freitag allerdings, dasselbe Drehbuch an zwei verschiedene Produktionsfirmen verkauft zu haben, wie es ihr vorgeworfen wird. "Dienstage mit Antoine" sowie "Tage mit Marie", das in "100 Prozent Marie" umbenannt wurde, seien zwei vollkommen unterschiedliche Stoffe. Was es mit diesem Missverständnis auf sich hat, soll am nächsten Verhandlungstag am 7. August geklärt werden. Dann soll u. a. der NDR-Justitiar Werner Hahn gehört werden.