Kapitalismuskritik wie bei Brecht, nur lustiger

Mit "Der Wind macht das Fähnchen" ist dem Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus ein neues, amüsantes Glanzstück gelungen

Winterhude. Schnappschuss und Gegenschuss: Zu Beginn von Philipp Löhles "Der Wind macht das Fähnchen" strahlen Papa, Mama und die Kinder in die Kamera. Blitzlicht. "Guten Morgen, Sonnenschein", schnulzt dazu Nana Mouskouri zwangsfröhlich. Fünf Viertelstunden später ist die Heile-Welt-Idylle kaputt. Der Sohn legt den Eltern Handschellen an. "Die Uniform steht dir gut", seufzt Mama. Sie und Papa wollten Tochter Sibylle das Geld klauen. Wieder Fotos: "Eins, zwei, drei" - diesmal für die Verbrecherkartei. "Guten Morgen, Sonnenschein".

Harald Weiler inszeniert Löhles sarkastisch doppelbödiges Einfamilienstück im Theater Kontraste der Winterhuder Komödie um einem Riesentisch herum. Bühnenbildner Lars Peter stellt ihn in die Mitte des kleinen Saals und setzt die Zuschauer darum herum. Eine große Familie. Die Tafel dient zugleich als Bühne für rasche Spielortwechsel und Symbol für Nauru. Papa Holger träumt von dieser Pazifikinsel "der Seligen" in Harmonie und Reichtum. Aber schließlich erkennt er: "Das Paradies macht fett und zuckerkrank." Futsch ist auch diese Utopie.

Autor Löhle kennt keine Gnade. Er demonstriert in drei Kreisen - oder Krisen - die Abhängigkeit der kleinsten Gemeinschaft in der Gesellschaft von deren ökonomischer Situation. Auch die Firma Familie ist in den wirtschaftlichen Zyklen gefangen, gewinnt oder verliert an Wert. Es nützt nichts mehr, sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen, denn längst bestimmt der Wind die Richtung des sozialen Wohlstands. In der ersten Runde wirft der Vater noch aus Stolz seinen Job hin; in der zweiten verlieren er und seine Frau ihre Arbeit; in der dritten sind die Loser im globalen Internethandel Einbrecher aus Verzweiflung. "Als wäre die Arbeit das Öl für den Motor der Familie."

Klingt ein bisschen nach einem Lehrstück von Bertolt Brecht, nur verpackt Löhle flotter, illusionsloser und lustiger seine Kritik am unberechenbaren Auf und Ab im Neokapitalismus. Und die Schauspieler haben ihren Spaß daran und kommen in Weilers Regie voll auf ihre Kosten. Er choreografiert präzise um den Tisch einen Tanz nach dem Glück, macht das Riesenmöbel auch zum Kampfplatz, an dem sich die gegnerischen Parteien Mann-Frau, Kinder-Eltern verschanzen. Dass das Katz-und-Maus-Spiel um Betrug und Lüge nicht einmal in die Nähe flacher Lustigkeit gerät, garantieren Meike Harten und Konstantin Graudus. Sie schaffen nicht nur blitzschnell eine Situation oder Stimmung, sondern rutschen bei aller (Tragi-)Komik, mit der sie die ohnmächtig strampelnden Arbeitnehmer zeichnen, nie in den Klamauk ab. Auch die beiden Jungen - Rabea Lübbe und Philipp Weggler - halten attraktiv, cool und witzig das Niveau und erweisen sich den "alten Hasen" als absolut ebenbürtig.

Nach dem Dauerbrenner "Frau Müller muss weg" ist Intendant Michael Lang und dem Theater Kontraste ein neues amüsantes Glanzstück gelungen, das von Spiel, Regie und Text alle Erwartungen an intelligente moderne Unterhaltung mit bissiger Zeitkritik erfüllt.

"Der Wind macht das Fähnchen" 7., 11., 12., 14.,18.-20. und 24.-27.7. sowie im August und September, jeweils 19.30 Uhr, Theater Kontraste, Komödie Winterhuder Fährhaus (U Hudtwalckerstr.) Hudtwalckerstr.13, Karten zu 21,- erm. 16,- unter T. 48 06 80 80; www.theater-kontraste.de

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