Ein Drama für die Opfer

Der RAF-Film "In den besten Jahren" beleuchtet einmal nicht das Leben und Wirken der Täter

Hamburg. Zur falschen Zeit am falschen Ort: eine Banalität, die tragische Ausmaße annehmen kann. Wie im Drama "In den besten Jahren", das die ARD heute Abend zeigt.

1970 wird der Polizist Anton Welves bei einer Verkehrskontrolle von dem RAF-Mitglied Hans-Peter Schulz erschossen. Dieser wurde für die Tat jedoch nie bestraft, im Gegenteil: Weil er sich als Kronzeuge zur Verfügung stellte, deckte ihn der Staat und verschaffte Schulz eine neue Identität. Zurück bleiben Erika (Senta Berger), die traumatisierte Witwe von Welves, und die fünfjährige Tochter Jenny. Über die Ermordung ihres Mannes ist Erika auch 41 Jahre später nicht hinweg. In der Wohnung stehen dieselben Möbel, noch immer quält sie die Machtlosigkeit. Ein Journalist nimmt Kontakt mit Erika auf und will ihre Geschichte veröffentlichen. Durch die Gespräche steigert sie sich erneut in die Ereignisse hinein - sehr zum Missfallen ihrer Tochter. Die hatte ihre eigene Last nach dem Tod des Vaters zu tragen: eine abwesende Mutter, die wegen des eigenen Verlustschmerzes keine Gefühle mehr für ihre Tochter übrig hatte. Fast eifersüchtig ist sie auf den idealisierten Vater.

Erika will mit allen Mitteln den Mörder ihres Mannes ausfindig machen. Sie stiehlt das Notizbuch des Journalisten und findet einen Kontakt zur Mutter des Täters. Vereinnahmt von Rachegefühlen begibt sie sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang.

Regisseur und Drehbuchautor Hartmut Schoen begibt sich mit seinem Drama auf ungewohntes Terrain, denn er widmet sich nicht den Tätern des RAF-Terrors, sondern einem Opfer. "In den besten Jahren" ist hochemotional, was vor allem der Darstellung von Senta Berger zu verdanken ist. Es ist ein quälender Film im positivsten Sinn. Die Verzweiflung von Berger beklemmt, macht nachdenklich, macht wütend. Aber man will sie auch aufrütteln, ihr zurufen, sich um die lebenden Familienmitglieder zu kümmern.

Von vielen Künstlern wird die Opferrolle als die langweiligere beschrieben. Die verkorkste Psyche des Täters ist oft spannender zu beleuchten als ein Mensch, dessen Leben durch einen grausamen Zufall aus den Fugen geraten ist. Hartmut Schoens Drama ist allein deshalb höchst sehenswert, weil er das Gegenteil beweist.

In den besten Jahren heute 20.15, ARD