Tatwaffe Alkohol:

Ausgezeichneter Film "Tödlicher Rausch" im ZDF

Am Montagabend läuft im ZDF der beim Filmfest ausgezeichnete Krimi namens "Tödlicher Rausch". Der Preisträger kritisiert derweil die ARD.

Wer sich heute nicht bei "Bauer sucht Frau" mit den Nöten paarungsbedürftiger Landwirte auseinandersetzen möchte, hat eine Alternative. Das ZDF zeigt den Film "Tödlicher Rausch", in dem Krankenschwester Nina (Lisa Maria Potthoff) dem Tod ihres jüngeren Bruders nachgeht, der angeblich durch eigene Schuld nach einem Alkoholgelage gestorben sein soll. Sie kommt zurück in das Dorf, aus dem sie mit 18 weggegangen ist, weil sie nicht damals schon wissen wollte, "wie der Rest meines Lebens verläuft". Unter den Daheimgebliebenen kennt jeder jeden, man redet wenig und verschweigt viel. Nina möchte wissen, warum ihr Bruder an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. Aber wen sie auch fragt: Man lässt sie auflaufen, legt ihr nahe, die Dinge ruhen zu lassen. "Es wird schon geredet", sagt ihre Mutter (Olivia Pascal) vorwurfsvoll. Aber eben nicht die Wahrheit. "Für manche Jugendliche ist Komasaufen ein Sport", versucht Dorfpolizist Georg (Fritz Karl) sie abzuwimmeln. Ein Freund glaubt: "Dein Bruder hat sich halt überschätzt. Pech gehabt." Aber es war alles ganz anders.

"Tödlicher Rausch" ist kein gewöhnlicher Krimi. Die Zuschauer erfahren gleich zu Beginn, was sich wirklich ereignet hat. Nur Nina weiß es noch nicht. Die Spannung zieht der Film aus der Schilderung des Verhaltens der Dorfbewohner, die mit allen Mitteln versuchen, Ninas Nachforschungen zu unterwandern und ihr eigenes schlechtes Gewissen unter den Teppich zu kehren. Nina versucht lange vergeblich, das Lügengespinst zu entwirren. Emotional angegriffen, beginnt sie ein Verhältnis mit Georg, der ihr scheinheilig seine Hilfe anbietet. Ihre Mutter regt sich darüber fürchterlich auf. Aber auch sie sagt ihrer Tochter nicht, warum.

Regisseur Johannes Fabrick, der sich auf Psychodramen spezialisiert hat, inszeniert "Tödlicher Rausch" als Reigen der Feigheit, in der sich die Charaktere beim Versuch, die Fassade der Anständigkeit zu wahren, immer weiter in den Sumpf ihrer Lügen reiten. Dabei geht der Regisseur geschickt mit dem Drehbuch von Claudia Kaufmann um und hält die Charaktere ambivalent.

Fabrick und Kaufmann haben bereits zusammen den Krimi "Die Tochter des Mörders" gedreht und gerade mit "In guten wie in schlechten Tagen" noch einen dritten, ähnlich gelagerten Fall umgesetzt. Alle spielen im ländlichen Raum und setzen sich mit Fragen von Schuld und Sühne auseinander. "Das war nicht als Trilogie angelegt, aber es wirkt jetzt so", sagt Produzent Uli Aselmann, der die Filme mit demselben Team für seine Firma die film gmbh realisiert hat.

Im Oktober war das Drama bereits beim Filmfest Hamburg zu sehen und gewann dort den Produzentenpreis. Eine besondere Auszeichnung für den gebürtigen Hamburger, der an der Hochschule für bildende Künste studiert hat, seine Firma aber in München betreibt. Produzenten schätzen die Reihe mit TV-Filmen beim Filmfest, weil sie ihnen die seltene Gelegenheit bieten, ihre Werke auf der großen Leinwand und zusammen mit dem Publikum zu sehen.

Der Preis ist mit 30 000 Euro dotiert, die unter der Auflage vergeben werden, das Preisgeld müsse innerhalb von 24 Monaten abgerufen und in Hamburg ausgegeben werden. "Tödlicher Rausch" ist zwar eine ZDF-Produktion, Aselmann hat sich aber von den Mainzern die Genehmigung geholt, das Geld für einen Film mit dem NDR ausgeben zu dürfen. Und da beginnen die Probleme: "Ich würde sehr gern für den NDR produzieren. Das habe ich bis heute noch nie getan. Aber vor 2015 ist dort angeblich nichts zu machen, weil sie noch so viele Filme im Keller liegen haben, die zunächst ausgestrahlt werden müssen", sagt Aselmann, "langsam kommt es mir so vor, als ob das ARD-Lagerproblem als Begründung für etwas anderes steht. Deshalb weiß ich nicht, ob ich es in den kommenden zwei Jahren überhaupt schaffe, das Preisgeld hier in Hamburg auszugeben."

Er und seine Kollegen der Produzentenallianz, in deren Vorstand er engagiert ist, wünschen sich von den öffentlich-rechtlichen Sendern eine größere Transparenz. Sie möchten wissen, wie viel Geld in den Haushalten für freie Produktionen zur Verfügung steht. "Ich würde mir von NDR-Intendant Lutz Marmor wünschen, dass er auch für den Norden öffentlich macht, was möglich ist und wie die Produktionen vergeben werden."

Privatsender sind für Aselmann wegen ihres reduzierten fiktionalen Programms und der wenigen Sendeplätze nur bedingt eine Alternative. In seinen Wunsch nach mehr Transparenz bezieht der 54-Jährige aber auch die gemeinsame Filmeinkaufsorganisation der ARD Degeto mit ein. Die ist in der Vergangenheit häufig wegen der von ihr angestoßenen seichten Produktionen kritisiert worden. Peter Körte schrieb in der "FAZ" über die ARD-Tochter, dass ihre Produktionen "in ihrer dramaturgischen Einfalt, dumpfen Gefühligkeit und visuellen Armut einen Standard des Grauens etabliert haben". Auch Kultursenatorin Barbara Kisseler wandte sich in ihrer Rede bei der Vergabe des Douglas-Sirk-Preises gegen eine "Degetoisierung" des Programms.

Degeto-Chefin Bettina Reitz kehrt im Juni 2012 als Fernsehdirektorin zum Bayerischen Rundfunk zurück. "Bis dahin wird sie zusammen mit den Redakteuren versuchen, das Programm am Freitagabend zu verändern, um es gesellschaftsrelevanter zu machen", sagt Aselmann. "Also im Rückblick verstehe ich Frau Kisseler. Aber man sollte das deutsche Fernsehen auch nicht zu schlechtreden. Wir haben durch die privaten und die öffentlich-rechtlichen Sender ein ausgewogenes Unterhaltungsangebot, das aber sicher mit mehr erzählerischen Mut durchaus zu glänzen beginnen könnte."

"Tödlicher Rausch" heute 20.15 ZDF