Musik aus Hamburg

Ein Revolverheld will für Niendorf singen

Kristoffer Hünecke und Produzent Benni Dernhoff begannen ihre Musikkarrieren am Gymnasium Ohmoor. Jetzt nehmen sie eine Platte auf.

Niendorf. Die kleinen Kellerräume am Gymnasium Ohmoor in Niendorf sind mit dicken Riegeln verschlossen. Der Geruch von Moder liegt in der Luft, die isolierten Schaumstoffwände sind verschimmelt, Spinnweben hängen von der Decke. "Hier riecht es ja noch genauso wie damals", sagt Benni Dernhoff, der gemeinsam mit Kristoffer Hünecke seine frühere Schule besucht.

In einem winzigen Raum voller Gerümpel steht noch eine leere Flasche Bier mit dem Ablaufdatum 17. März 2000. Vor der Tür hängt ein altes Pappschild mit der nicht ganz fehlerfreien Aufschrift: "Keine Kippen liegen lassen, sonst gibt das ornlich Haue."

Dernhoff und Hünecke stehen vor ihrem alten Bandraum, in dem sie vor rund 20 Jahren das erste Mal Musik machten. Einige Jahre verbrachten die beiden in diesem dunklen Keller. "Die Erinnerungen sind sofort wieder da. Die Zeit hier hat uns sehr geprägt", sagt Hünecke. Der 33-jährige Gitarrist und Songwriter der Hamburger Band Revolverheld ("Helden 2008") nutzt die kleine Auszeit seiner Gruppe, um zusammen mit seinem ehemaligen Schulkameraden Dernhoff ein Soloalbum zu produzieren. Dabei hatten sich die beiden nach der Schulzeit völlig aus den Augen verloren. Vor vier Jahren trafen sich Hünecke und Musikproduzent Dernhoff abends zufällig auf dem Schulterblatt im Schanzenviertel. Nach einem kurzen Gespräch über alte Zeiten entstand die Idee eines gemeinsamen Projekts. "Durch unsere ähnliche Vergangenheit haben wir schnell wieder zueinandergefunden", erzählt Hünecke.

Die beiden Musiker wuchsen im beschaulichen Niendorf auf. An der Schule am Sachsenweg begann dann in dem kleinen Bandraum im Schulkeller die bemerkenswerte Geschichte. Mit dem Hamburger Sänger Niels Frevert, Frontmann der ehemaligen Band Nationalgalerie, und dem Engagement der Musiklehrerin Ille Schulte, entwickelte sich an der Schule ein Bandboom. Schulte setzte sich stets für den Proberaum ein. "Wir Schüler sollten lieber in einer Band spielen statt an der Playstation", erinnert sich Hünecke. "Ohne Ille würde ich heute keine Musik machen", sagt Dernhoff, 28. Schulte organisierte die Instrumente und sorgte dafür, dass der Proberaum - ein ehemaliger Atomschutzbunker - vom Bezirksamt angemietet wurde.

Der Bandkeller entwickelte sich dann schnell zum begehrtesten Raum der Schule, musste mitunter Wochen vorher gebucht werden. Die Gruppen übten vor allem für ein Ziel: das jährliche Bandfestival an der Schule. Hünecke mit seiner ersten Band Sinful Breed und Dernhoff mit Highhead spielten damals noch gegeneinander um die Gunst der Schulfans. 1979 ins Leben gerufen, traten beim Bandfestival Jahre später bis zu 20 Schulgruppen auf. Das Festival am Gymnasium Ohmoor ist bis heute etabliert. "Die Musik hat uns alle zusammengeschweißt. Es gab ein großes Wir-Gefühl", sagt Ille Schulte. 2009 verabschiedete sie sich nach dem 30. Bandfestival in den Ruhestand. An Hünecke und Dernhoff erinnert sich die 64-Jährige aber genau. "Kris war manchmal eine faule Socke, den musste ich hin und wieder in den Hintern treten. Benni war Musikus durch und durch, unglaublich motiviert", sagt Schulte. "Zusammen werden sie eine gute Synthese herstellen, das könnte was werden."

Dass Kris und Benni jetzt gemeinsam Musik machen, ist auch einer schweren Handverletzung Hüneckes im Alter von 17 Jahren geschuldet. Bis dahin gehörte er neben Tommy Haas und Nicolas Kiefer zu den hoffnungsvollsten Tennistalenten Deutschlands. Hünecke war Hamburger Meister mit acht und deutscher Vizemeister mit 14. "Nach der Schule ging es in den Bandkeller, dann durch ein Loch im Zaun zum Tennistraining. Das war für mich Niendorf", erinnert sich Hünecke. "Nach der Verletzung wurde die Musik dann wichtiger." Heute arbeitet er gelegentlich noch beim Niendorfer TSV als Tennistrainer. Auch Benni Dernhoff war beim NTSV aktiv, spielte in der Jugend Handball. "Niendorf ist für mich ein Ruhepol", sagt Dernhoff, der sich genau wie Hünecke vorstellen kann, eines Tages von Eimsbüttel in den Stadtteil zurückzukehren. "Niendorf ist cool", sagt Hünecke. "Es ist zwar nicht Berlin-Mitte, soll es aber auch nicht."

Auf ihrer Platte spielt Niendorf in jedem Fall eine wichtige Rolle. Sogar eine kleine Ode an ihre Heimat ist geplant. "Das Lied handelt vom Nach-Hause-Kommen", sagt Hünecke. Ein wenig Melancholie klingt mit: "Es ist gut, im Kopf ein Zuhause zu haben."

Nach einem langen Arbeitstag haben beide Musiker häufig ein gemeinsames Ziel: Mit dem Auto stellen sie sich in die Kurve am Vogt-Cordes-Damm in Niendorf. Direkt an der Grenze zum Flughafen genießen sie dann die Lichter der Flugzeuge beim Start und der Landung. Hünecke schwärmt: "Das ist wie New York in Hamburg, Manhattan mitten in Niendorf."