Laeiszhalle

Olga Scheps, eine glasklare Romantikerin

Foto: Felix Broede / Felix Broede/Konzertdirektion Adler

Die international erfolgreiche Pianistin gibt am heutigen Mittwoch in der Laeiszhalle ein Recital mit russischer Klaviermusik und Chopin.

Laeiszhalle. Ewige Studenten sehen anders aus, sie leben anders, vor allem ticken sie anders. Trotzdem überlegt Olga Scheps, 24, ob sie sich nicht beim Guinnessbuch der Rekorde anmelden soll, als Längstzeitstudentin ever. Nach zehn Jahren Klavierstudium an der Musikhochschule Köln hat die russisch-deutsche Pianistin vor wenigen Monaten ihr Konzertexamen abgelegt. Unüberwindliche Prüfungsangst ist es also nicht, die sie an der Alma Mater kleben lässt, denn kaum war sie fertig, bewarb sie sich zum Aufbaustudium bei demselben Professor, Pavel Gililov, der ihr schon seit Jahren bei ihrer künstlerischen Entwicklung zur Seite steht. Die gute Nachricht: Sie hat die Aufnahmeprüfung bei ihm bestanden.

Bei einer auch international so erfolgreichen Künstlerin wie Olga Scheps darf man die Treue zu Hochschule und Studentenstatus etwas eigenartig finden. Aber vielleicht kommt darin neben dem Gefühl andauernder Unfertigkeit auch ein Bedürfnis nach Erhalt des sozialen Umfelds zum Ausdruck. Wer so viel reisen muss wie Olga Scheps, ist froh um ein Stück Heimat, und wenn's die altvertraute Hochschule ist.

Dass die Plattenindustrie Olga Scheps im vergangenen Jahr für ihre Chopin-Einspielung mit dem Echo Klassik als beste Nachwuchskünstlerin belohnte, war insofern erstaunlich, als es sich dabei um ihr Debüt handelte. Doch die frühe Anerkennung war gerechtfertigt. Denn selbst wenn es jedem mit Augen im Kopf schwerfällt, von der sehr aparten Erscheinung dieser jungen Musikerin zu abstrahieren: Sie spielt wirklich außerordentlich Klavier. Eher die Schatten suchend als die Brillanz, ist sie eine, die trotz ihrer jungen Jahre eine wundersam natürliche Reife in die Töne legen kann. Ihr Legato hat etwas Traumverlorenes, und wo sie glänzt und perlt, spürt man eine leise Distanz zum Blendwerk des Pianistischen. Da spielt keine höhere Tochter, auch kein von klein auf hochgezüchtetes Piano-Rennpferd, da spielt eine alte Seele.

Im vergangenen Herbst erschien mit "Russian Album" Olga Scheps' zweite Platte, eine mit viel Liebe zusammengestellte Sammlung russischer Klavierminiaturen überwiegend des 19. Jahrhunderts. Musik weniger bekannter und vieler nahezu unbekannter Komponisten - Glinka und Tschaikowsky, Arenski und Balakirew, Rubinstein, Titow, Skrjabin, Rachmaninow, Ljadow. Das Album zeigt aufs Neue, dass Scheps ein Händchen fürs Romantische hat. Aus diesen Piècen stellt sie auch das Gerüst ihres Konzertprogramms zusammen, mit dem sie in diesem Jahr so viel unterwegs war wie nie. "Das war das Jahr des Spielens für mich", sagt Olga Scheps. "Das Programm hat mir viel zu erzählen. Es klingt bestimmt doof, aber ich glaube, ich bin dabei gereift."

Beim Recital am heutigen Mittwoch in der Laeiszhalle - "Ich liebe den Saal!" - spielt sie Chopin, Rachmaninow, Tschaikowski und Skrjabin. Auch wenn sie es mit der Weiterentwicklung ihres Repertoires nicht eilig hat: Innerlich beschäftigt sie sich längst mit ihrem nächsten Album, das um das Gravitationsfeld Schubert kreisen soll. Als sie 15 war, gab ihr der Gelegenheitsmentor Alfred Brendel Schuberts Wanderer-Fantasie zum Arbeiten. "Das hat mich geprägt", sagt die erfrischend unromantisch klar formulierende Musikerin.

Aber weil sie gleichzeitig mit dem Diktum "Wenn Schubert, dann Brendel" groß wurde, ließ sie als Pianistin von Schubert lieber die Finger. Jetzt aber spricht sie von einem "neuen Zugang" zu seiner Musik, der mit persönlichen Sachen zu tun habe. Sie will der "verborgenen Tiefe" nachspüren, einem mythischen "immer woanders", an dem Schubert sich aufgehalten habe.

So tief aus dem Klavierspiel der Olga Scheps Gefühl und Empfindung herauspulsieren, so analytisch geht die Pianistin mit ihrem Material um. "Es gibt kein nutzloses Wissen", verkündet sie. "Man muss Politik, den Geist der Zeit und die Geschichte kennen, wenn man Musik verstehen will." Und weil ihr Bedarf an Romantik beim Klavierspielen hinreichend gedeckt ist, macht sie um Belletristik einen großen Bogen. Lieber liest Olga Scheps Sachbücher, politische Literatur, Biografien. "Ich bin an Wahrheit interessiert", sagt sie. Und geht damit doch auch elastisch um. Kürzlich lieh ihr eine Freundin einen Dokumentarfilm über Massentierhaltung. Olga Scheps war geschockt, erholte sich aber rasch: "Danach konnte ich einen halben Tag kein Fleisch essen."

Olga Scheps Mi 19.10., 19.30, Laeiszhalle (U Gänsemarkt), Johannes-Brahms-Platz, Tickets zu 15,- bis 40,- unter T. 01805/66 36 61 u. an der Ak.