"Orlando" zappt sich leichtfüßig durch die Zeit

Hamburg. Vorn auf dem Tisch: ein dickes Buch und eine Digitaluhr. "Orlando" handelt von der Qual des Schreibens und dem Verrinnen der Zeit. Unüberhörbar der Puls des Tickens, der Bastian Krafts so kluge wie zauberhafte Bild-Text-Collage nach Virginia Woolfs Romanbiografie im Thalia-Studio der Gaußstraße vorantreibt. Der Regisseur von "Axolotl Roadkill" fesselt und überzeugt aufs Neue mit der poetischen Zeitreise in der Form eines lebendig-lustigen Fantasy-Comic.

Eine Minute ist um - und ein Jahr vergangen. Einmal umgeblättert im Buch - Epoche, Schauplatz oder Orlandos Frauen sind andere. Jede malerisch, oft plastisch gestaltete Seite gibt in Peter Baurs offenem Bühnenraum die "Kulisse" für lebende Bilder auf der Hinterwand ab. Dazu agieren die fünf Schauspieler liegend auf einem leuchtenden Podium und werden per Kamera in die Projektionen montiert.

Überraschende Effekte gelingen. Orlando (Leon Pfannenmüller) reicht Elisabeth I. (Victoria Trauttmansdorff) eine Rosenschale oder läuft mit Sascha (Nadja Schönfeldt) Schlittschuh auf der vereisten Themse. Er begegnet dem Poeten Green (superkomisch: Cathérine Seifert) oder der Erzherzogin (Sandra Flubacher). Die Akteure zappen sich leichtfüßig durch Zeiten und Figuren, wechseln flink Geschlecht und entzückende Kostüme (Inga Timm). Wie sich die Identität Orlandos auffächert, so löst sich die Ordnung der Wände langsam in Einzelteile auf, spiegelt die Moderne auch in Tempo und Bilderflut.

Kraft und Baur finden einen visuellen Dreh und bekommen die schillernde Geschichte von Orlandos Gender-Crossing locker in den Griff. Außerdem erzählen sie heiter und ironisch vom ernsten Prozess des Schreibens, von Woolfs Selbstzweifeln und den Schwierigkeiten, beim Lesen oder Leben herauszufinden, wer man ist.

Orlando 7.10, 12.10., 1./9.11., jeweils 20.00, Thalia in der Gaußstraße (S Bahrenfeld), Gaußstraße 190