ARD-Film

"Sie hat es verdient" – Die Verzweiflung einer Mutter

Der ARD-Film "Sie hat es verdient" mit Veronica Ferres ist ein Kammerspiel, das brutal bewegt - aber nie mit einfachen Antworten moralisiert

München. Warum?, lautet die Frage, die man sich nach solchen Taten immer wieder stellt. Warum wird ein Teenager in der Hamburger U-Bahn von Gleichaltrigen niedergestochen ? Warum tötet ein Amokläufer seine Mitschüler während des Unterrichts? Warum misshandeln Jugendliche hilflose Kinder in einem Ferienlager ? Warum?

Es ist nicht nur die Gewalt an jungen Menschen, die erschüttert, sondern deren Ausmaß, deren neue Dimension: Es sind Jugendliche, die Gleichaltrige quälen, misshandeln und sogar töten.

Den Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stiller ("Stille Nacht, heilige Nacht") hat die Frage nach dem Warum nicht losgelassen und dazu veranlasst, einen Film über die Eskalation der Gewalt zu drehen. Sein Film "Sie hat es verdient" liefert zwar keine Antworten, zeigt aber Möglichkeiten auf, wie es so weit kommen kann.

Es ist Thomas Stillers leise Replik auf die Gesellschaft, die seiner Meinung nach viel zu schnell ihre eigenen Antworten sucht. "Selten wird versucht, sich wirklich mit den Gewalttaten auseinanderzusetzen", so der Filmemacher, der im vergangenen Jahr den Deutschen Fernsehkrimipreis gewann. "Wenn Gewalt sich einen Weg an die Oberfläche bahnt, reagieren wir fassungslos und wissen uns nicht anders zu helfen, als zu strafen und zu moralisieren."

So beginnt auch Stillers brutal inszeniertes ARD-Drama mit der Frage nach dem Warum. Nora Wagner (Veronica Ferres) sitzt mit der Mörderin ihrer Tochter in einem Gefängnisraum. Ein Jahr ist vergangen, seit die damals ebenfalls 16-jährige Linda (Liv Lisa Fries) ihre Mitschülerin auf dem heimischen Dachboden zu Tode gequält hat. "Warum, warum hast du es getan?", fragt die Mutter, die in der Zelle ein "Monster" erwartet hatte und dann plötzlich vor einem schüchternen, traurigen Mädchen aus gutem Hause sitzt, das sie mit Rehaugen anblickt. "Sie hat es verdient", ist seine kühle Antwort.

"Ich glaube nicht, dass es da viel zu verstehen gibt", sagt die Mutter der Täterin später. Sie geht den denkbar einfachsten Weg, sie bricht mit ihrer Tochter, stößt sie ab, besucht sie nicht einmal im Gefängnis. Manche Menschen sind einfach böse, ist ihre Meinung. Doch dass es so einfach nicht ist, das zeigen die gestaffelten Rückblenden des Films, die diesen von der üblichen Erzählchronologie lösen und die Geschichte rückwärts bis zum Tag des Mordes erzählen.

Mal sieht man Linda als rebellischen Teenager, immer auf der Suche nach der nächsten Eskalation, nach dem nächsten Kick. Prügelnd, kiffend, fluchend. Mal sieht man sie liebevoll mit ihrem kleinen Bruder kuscheln, der geistig behindert ist. Das Wechselspiel zwischen den Streicheleinheiten im bunten Kinderzimmer und den Grausamkeiten auf dem dunklen, kargen Dachboden ist bedrückend.

Dort oben liegt gefesselt und geknebelt die zusammengeschlagene Mitschülerin Susanne Wagner (Saskia Schindler), die das komplette Gegenteil der renitenten Linda ist: glücklich, unbekümmert, unbedarft, beliebt. An ihrem 16. Geburtstag wird sie von Linda und deren unterwürfigen Mitläufer-Freunden Josh (François Goeske) und Kati (Sina Tkotsch), die sie wie Untergebene behandelt, auf den Dachboden des Elternhauses gelockt - und dort bis zum Tod misshandelt und geprügelt. Am Anfang beteiligen sich Lindas Freunde noch an dem Wahnsinn. Es sind Jugendliche, denen das scheinbare Selbstbewusstsein ihrer Anführerin imponiert. Mit aller Gewalt versuchen sie, cool zu sein. Klauen der Oma im Park den Rollator, treten zu, wenn es von ihnen gewünscht wird. Sie projizieren ihren pubertären Hass auf sich selbst einfach auf andere.

Marc Liesendahls wacklige Kamerabilder vom Dachboden sind von kompromissloser Radikalität. Sie haben etwas Dokumentarisches, das den Zuschauer unerwartet zum Augenzeugen eines schrecklichen Verbrechens macht und dem Film eine abgründige Tiefe verleiht. Mit dem zwischen den Ereignissen hin und her springenden Drehbuch hat Regisseur Stiller die Thematik aus einer simplen Kausalität zu reißen versucht. Schließlich, so sagt er, handle das Buch davon, "was solche Ereignisse in unseren Köpfen, in unseren Herzen bewirken: Gedankenfetzen, Gefühle, die keine klare Ordnung haben".

Veronica Ferres spricht von einer "Anatomie eines Verbrechens, die der Film seziert und analysiert". Sie selbst hat den Film mitproduziert, den viele Sender aufgrund des heiklen Stoffs zunächst abgelehnt hatten - bis die ARD grünes Licht gab. Das Thema war der 44-Jährigen so wichtig, dass sie auf einen Teil ihrer Gage verzichtete. Wer Ferres in diesem Degeto-Streifen jedoch als elegisch trauernde Mutter erwartet, die sich in den Vordergrund weint, wird überrascht: Obwohl Ferres' zermürbende Verzweiflung dauerpräsent ist, lässt sie mit ihrer implodierenden Trauer dem Nachwuchstalent Liv Lisa Fries reichlich Platz, die mit ihrem wechselnden Spiel zwischen gefühlloser Grausamkeit und liebevoller Fürsorge brilliert.

Die Brutalität der Heranwachsenden, die Ohnmacht der Opfer und die Ratlosigkeit der Gesellschaft macht den Film zu einem intensiv inszenierten Kammerspiel, das brutal bewegt. Auch wenn die Beziehung zwischen der Mörderin und ihrem inzestuösen Vater Robert (Oliver Mommsen) Ansätze einer Erklärung bieten und zum Schluss des Films leider die zuvor so gelungenen Andeutungen den etwas dick aufgetragenen Tatsachen weichen müssen, so bleibt Adolf-Grimme-Preisträger Thomas Stiller jedoch seinem Anspruch treu, nicht zu moralisieren.

Am Ende macht der Filmemacher alles richtig. Indem er eben nicht vorgesetzte bequeme Antworten bietet, sondern den Zuschauer alleinlässt, mit einem unguten Gefühl.

Sie hat es verdient Mittwoch 20.15 ARD