Hamburg

Mayer Hawthorne: Ein Milchgesicht hat den Soul

Foto: William Olguin / William Olguin/stone throw records

Frontman Mayer Hawthorne spielt mit seiner Band The County den Motown-Sound der 60er und 70er mit der Frische von heute – heute im Gruenspan.

Gruenspan. Wer eine rote Schallplatte aus Vinyl in Herzform um seinen Hals hängen hat, kann kein schlechter Mensch sein. Mayer Hawthorne verschenkt das gute Stück an die ein oder andere Dame, wird jedoch stets aufs Neue enttäuscht. Im Video zu seinem Song "Just Ain't Gonna Work Out" läuft der Musiker federnden Schrittes durch eine Stadt, die allem Anschein nach in seiner Wahlheimat Kalifornien liegt. Ein mittelgroßer weißer Mann ist er, dieser Mayer Hawthorne. Das braune Haar trägt er schick gescheitelt, die Brille sitzt markant im milchigen Gesicht, der Anzug liegt eng und gut an. Ein Typ wie er könnte bei der Post arbeiten. Oder er könnte in einem großen Orchester ein Blasinstrument spielen. Hinten in der Ecke.

Wie hübsch allerdings, dass die Popmusik den schönen Schein und jedes noch so fest zementierte Klischee nicht nur bedient, sondern immer wieder auch unterwandert. Denn Mayer Hawthorne, dieses bestens gekleidete Weißbrot, macht Soulmusik. Und zwar mit einem Schmelz, wie ihn zahlreiche schwarze Musiker in der Motown-Ära der 60er- und 70er-Jahre perfektioniert hatten.

Der 32-Jährige lässt sich gut und gerne als männliches Pendant zu Retro-Chanteusen wie Duffy oder der kürzlich verstorbenen Amy Winehouse verstehen. Sein 2009 erschienenes Debütalbum "A Strange Arrangement" schillert nur so vor eingängigen Harmonien. Piano-Melodien, Bläsersätze, mehrstimmiger Gesang. Und darüber eine Stimme, die nicht die vollste der Welt ist, eher ein Tenörchen, die aber ungemein lässig und zugleich einfühlsam daherkommt.

Nicht von ungefähr nennt der Multiinstrumentalist das Produzenten-Trio Holland-Dozier-Holland als eines seiner Vorbilder. Diese Hit-Lieferanten zeichneten für Erfolge von Martha and the Vandellas, den Four Tops, den Supremes oder auch Marvin Gaye verantwortlich. Ein Einfluss, der in Hawthornes Kindheit verwurzelt ist.

Der Künstler, der in Los Angeles lebt, aber im Bundesstaat Michigan geboren wurde, erinnert sich gern daran, wie er mit seinem Vater im Autoradio das reiche Angebot an Soul und Jazz aus der Gegend hörte. Sein Bühnenname ist seinen geografischen Wurzeln geschuldet. Bürgerlich heißt er Andrew Mayer Cohen. An seinen mittleren Namen fügte der Künstler einfach den Namen der Straße an, in der er aufwuchs, die Hawthorne Road.

Dass er jedoch keineswegs bloß ein rückwärts gewandter Nostalgiker ist, zeigt seine musikalische Vorgeschichte. Auf der Highschool trug der junge Cohen seine Haare mattenlang und fabrizierte Metal. Danach startete er seine Karriere im Patchwork des Pop unter dem Pseudonym DJ Haircut und übte sich im Hip-Hop. Am Mikro als Rapper und hinter den Reglern als Produzent. Am Mischpult entstand auch die Idee, selbst Soulmusik zu machen.

"Es ist eine teure und nervtötende Prozedur, wenn man die Erlaubnis für die Verwendung eines Samples einholen muss. Ich wollte mal sehen, ob ich die Sounds, die ich brauche, nicht auch selbst einspielen kann", erklärte Hawthorne "Zeit Online" in einem Artikel mit der Überschrift "Die Currywurst des Soul". Currywurst deshalb, weil das Zerhackstückelte, das jedoch alles in allem einen guten Geschmack ergibt, sehr seiner Philosophie des Musikmachens entspricht.

Einerseits scheut Hawthorne sich nicht, sich vor seinen Idolen zu verneigen. So interpretiert er auf der jüngst erschienenen EP "Impressions" Klassiker wie "Work To Do" von The Isley Brothers und "Mr. Blue Sky" vom Electric Light Orchestra. Andererseits verweist der satte Beat in Stücken wie "Just Ain't Gonna Workout" auf die schwarze Kultur, die auf die Motown-Ära folgte.

Auch live gibt Hawthorne ab und an ein Rap-Intermezzo. Später während des Konzerts. Wenn das Publikum schon durchgeschwitzt ist und ohnehin nicht mehr weiß, wohin mit seiner Euphorie. Denn wenn Mayer Hawthorne mit seiner erstklassig aufspielenden Band The County auftritt, ist Optimismus angesagt. Zwar kann er auch am Kitsch vorbeischrammende Herz-Schmerz-Nummern liefern. Aber seine Stärke liegt im Hüftschwung. Und in dieser Angelegenheit fordert der Herr die Menge gerne zum Mitmachen auf. Das Schwingen von Händen, das Mitsingen von Zeilen, also all das, was bei anderen Bands oft gewollt wirkt, hat bei ihm einen lässigen Flow.

Hawthorne ist ein eleganter Wanderer zwischen den Welten. Auf seinem Plattencover inszeniert er sich als Snob mit Einstecktuch, der bei einem Glas Champagner im Ohrensessel wichtige Telefonate zu erledigen hat. Zugleich integriert er aber auch die ausgeprägte Hipster-Facette in sein Schaffen. Denn Hawthorne ist unter anderem passionierter Skateboarder. Und als solcher lässt er in seinen Videos Rollbrett-Artisten zu sanften Soulklängen dahinschweben. So etwa in dem Clip zu "Maybe So Maybe No".

Hawthorne läuft da mal wieder durch die Stadt. Zur Strickjacke trägt er Krawatte plus Baseballkappe. Er plaudert hier und da, spielt ein wenig Schlagzeug und legt bei einer Hinterhof-Party Musik auf. Zudem wühlt er in Kisten, in denen alte Vinylplatten zum Verkauf stehen. Auf der Suche nach neuen Herzstücken.

Mayer Hawthorne & The County , support: DJ The Jan (Hamburg Soul Weekender) Di 16.8., 19.00 (Einlass), Gruenspan (S Reeperbahn), Große Freiheit 58, Karten zu 26,- an der Abendkasse; Infos: www.myspace.com/mayerhawthorne