Die Herrscher der Betonschluchten

Der englische Autor Stephen Kelman beschreibt in seinem Roman "Pigeon English" die Welt, aus der die jungen Randalierer kommen

Lodernde Autos, splitternde Schaufensterscheiben, fliegende Pflastersteine: Jeder kennt die Bilder von gewaltsamen Straßenprotesten - etwa von damals, als in Frankreich nach dem Tod zweier Jugendlicher die Banlieues brannten, jene Betonvorstädte, in denen die Gesellschaft ihre Problemklientel erst entsorgt und dann vergisst. Doch die Ausschreitungen in London haben eine neue Qualität. Die Randalierer sind bis in die Innenstadt gezogen. Sie protestieren nicht nur, manche plündern, rauben oder morden gar.

Wo die Wut groß genug ist, gilt eine Moral jenseits bürgerlicher Kategorien. Alle kennen die Bilder - und viele fragen sich nun erstmals, welche Gesetze in den Schluchten zwischen den Wohntürmen herrschen. Was hinter den Türen vor sich geht, die zu dünn sind, um Fußtritte oder Axthiebe abzuhalten.

Der englische Autor Stephen Kelman kennt diese Welt. Er ist selbst in einer solchen Siedlung aufgewachsen. Die Atmosphäre von Gewalt und Perspektivlosigkeit hat er in den Roman "Pigeon English" gegossen, der Anfang 2011 erschienen ist (das Abendblatt berichtete). Dem Buch liegt ein Fall zugrunde, der 2000 in England Schlagzeilen machte: Zwei 12-Jährige erstachen einen 10-Jährigen, der gerade erst mit seiner Familie aus Nigeria gekommen war. "Er wollte Arzt werden, um seiner kranken Schwester zu helfen", erzählt Kelman. "Es hat mich erschüttert, dass dieses unschuldige Kind sterben musste."

Im Buch macht sich Harri aus Ghana auf, den Mord an einem Schulkameraden aufzuklären. Die Polizei interessiert sich kaum dafür, doch Harri ist neugierig. Durch die staunenden Augen des Kindes führt uns Kelman das Leben im "Estate" vor, wie die Engländer diese Viertel nennen. Da ist das Mädchen, das immer verängstigt guckt, weil ihr Großvater mit ihr "sext", wie es Harris Freund ausdrückt. Wenn Mädchen sich streiten, setzen sie lange Fingernägel oder auch Lockenbrennscheren als Waffen ein. Ihre Freunde und Gebieter haben die Waschbetonterrassen und schütteren Grünanlagen in Reviere aufgeteilt. Wer die Codes dieser Banden nicht begreift, der hat leicht ein Teppichmesser an der Kehle.

Dauernd ist vom Töten und Zerstören die Rede. Als eine Gang den Spielplatz anzündet, sehen die Kinder traurig und fasziniert zu, wie die Netze verkokeln und die Schaukeln schmelzen.

So beständig brodelt es in dem Viertel, dass die Explosion unausweichlich scheint. Im Rückblick wirkt der Roman nahezu visionär. Doch Kelman wehrt ab: "Ich habe nicht kommen sehen, was gerade geschieht - aber ich bin auch nicht überrascht. Es hat sich so viel Frustration aufgestaut." Für Gewalt hat Kelman keine Sympathie: "Man muss nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, nur weil man in einer unterprivilegierten Umgebung lebt." Er ist in einer intakten Familie aufwachsen. Doch wem familiärer Halt oder starke Vorbilder fehlen, der ist anfällig für das Faustrecht. Wohin es führt, wenn das zivile Zusammenleben erodiert, das lehrt "Pigeon English", das lehrt die sich unbarmherzig drehende Spirale der Gewalt auf den Straßen Londons.

Harri wird zum Engel, bevor er selbst zum Täter werden kann. Das ist das gnädige Ende eines Romans. Die Realität aber bietet solche Auswege nicht. Sie kennt nur Tragödien.

Stephen Kelman: "Pigeon English". Übers. v. Clara Drechsler, Harald Hellmann, Berlin-Verlag, 304 S., 19,90 Euro