Fantasie bemächtigt sich der Wirklichkeit

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Foto: Ellen Coenders

Uraufführung von "The Nowness Mystery" auf Kampnagel

Hamburg. Amy Winehouse verspürt eine Krise, sobald sie an die Unendlichkeit denkt. Stumpf reagiert sie ihre Nervosität an einem Luftpostbrief ab. Für einen kurzen Bühnenmoment ersteht die verstorbene Künstlerin wieder auf. Und Performerin Maria Jerez öffnet mit ihrem leicht beleidigten Blick ganz nebenbei ein Universum. Ein charmant-komisches dazu. Allein diese Szenen-Miniatur enthält die ganze "Dramaturgie des Lachens", das die spanische Konzeptkünstlerin Cuqui Jerez, Marias Schwester, in ihrem neuen Werk "The Nowness Mystery" (Das Mysterium der Gegenwart) enthüllt.

Die Wirklichkeit ist für Cuqui Jerez nur eine leere Formel, die dazu auffordert, sich ihrer mit Fantasie zu bemächtigen. In der Koproduktion, die beim Internationalen Sommerfestival Hamburg zur Uraufführung kam, wimmelt es von Behauptungen und schrägen Fortsetzungen, die stets im Unerwarteten enden. Monoton trennt sich hier das oberste Glamourpaar Angelina Jolie und Brad Pitt. Den Kauf eines Dior-Schals nutzt Pitt dazu, die Verkäuferin zu inszenierten Lustschreien zu nötigen. Der verpackte Schal wird später wiederum zu Brad Pitt im New Yorker Rockefeller Center, markiert durch das Bein eines umgedrehten Tisches. "Das ist nichts", sagt Maria Jerez und stürzt eine Bühnenwand um. "Das ist etwas", sagt ihre Mitperformerin Amalia Fernández und tut genau das gleiche.

Hinreißend spröde stochert das Duo im Nebel dessen, was sie eigentlich verhandeln wollen. Dennoch wirkt "The Nowness Mystery" bei seinem Anspruch, die Wirklichkeit zu überlisten, den Betrachter auf die Tücken der Selbstwahrnehmung zu stoßen, zu kurz gesprungen. Es gibt ein paar Leerstellen zu viel. Und wenn am Ende das Publikum seine Wahrnehmung mit Schlafbrillen abgedichtet hat, bekommt es die Gegenwart wenig verklausuliert in Form von Explosionen, Vogelgezwitscher und Hafengeräuschen akustisch auf die Ohren. Aber bis dahin hat es sich zumindest intelligent amüsiert.

Mangel an Fantasie lässt sich auch dem argentinischen Musiker Axel Krygier nicht vorwerfen. Mit staubedingter Verspätung zieht er mit vierköpfiger Band zu später Stunde ein musikintellektuelles Publikum in den Bann. Wie ein Tier bearbeitet er Tasten- und Blasinstrumente und berauscht sich mit ausladenden Gesten am Pathos seiner eigenen Latin- und Jazz-Rhythmen. Dazwischen sampelt er schon mal ein Schafsgeheul oder stößt selbst Tierlaute aus, per Vocoder brachial verfremdet.

Krygiers Musik ist eine heimatlose, ein Hybrid aus Polka, Electro, Freak-Folk und Jazz. Jeder Stilansatz wird im nächsten Takt gebrochen. Irgendwann stolpert auch der letzte Besucher an diesem langen Festivaltag gleichermaßen erheitert und euphorisiert in die Nacht. Humor ist ein Mittel, der Gegenwart beizukommen - und nicht das schlechteste.

Internationales Sommerfestival Hamburg bis 28.8., Kampnagel (Bus 172, 173), Jarrestraße 22-24, Karten T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de

( (asti) )