Die Anti-Diva

Mezzosopranistin Magdalena Kozena mit einem furiosen Finale im Kieler Schloss beim Schleswig-Holstein Musik Festival

Kiel. Je weniger Divenalarm eine Opernsängerin macht, desto nachdrücklicher erobert sie die Herzen ihrer Zuhörer. Wenn sie gut ist. Die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozena ist gut, sie ist sehr gut. Aber sie wirkt etwas herb. Kein glutäugiges Vollweib wie die Netrebko, keine Rampensau wie die schrille Simone Kermes, auch kein natursüßes Piano-und-überhaupt-Wunder wie die Bartoli. Bei ihrem Konzert gestern im Kieler Schloss im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals trat Magdalena Kozena als Antithese zur Diva auf: bescheiden, konzentriert, freundlich - und distanziert. Erst in den drei Zugaben ließ sie das Publikum etwas von der schmelzenden Süße kosten, zu der ihre Stimme aufblühen kann. Begonnen hatte sie den Abend im gesanglichen Souterrain.

In der langsamen, etwas sperrigen Arie des Ruggiero "Sol da te mio dolce amore" aus Vivaldis "Orlando furioso" trug Frau Kozena tief in den Regionen des Alt schwebende Farben und Töne auf. Auch die dramatisch aufgewühlte Arie "Ho il cor già lacero" aus "Griselda" und die des Farnace "Gelido in ogni vena" waren alles andere als Zuckerstücke. Kein Wunder - Farnace wälzt sich in Schuldgefühlen, weil er seinen kleinen Sohn tot glaubt und sich dafür verantwortlich. Die Erschütterung und den Gram der Figur machte die Kozena gerade durch ihre zurückgenommene Gestaltungskraft spürbar. Das in der letzten Wiederholung wie abgerissen dastehende Wort "Terror" bleibt als tolle musikalische Schrecksekunde in Erinnerung. In der zweiten Hälfte gab sie drei Arien von Händel. Nicht nur die Auswahl legte den Schluss nahe, dass dessen Vermögen, für die weibliche Stimme zu komponieren, das des tüchtigen Vivaldi deutlich überstieg.

Besonders Kozenas von Contenance geprägte Klage-Arie des Ariodante aus der gleichnamigen Oper verdiente Bewunderung; wie die Sängerin hier all den Affektreichtum des Barock gewissermaßen hinter der Milchglasscheibe vorführte, wie sie Wehklagen und Gram mit einer Aura der Diskretion versah - da war das Publikum schon fast auf ihrer Seite. Was muss eine auch dem Affen Zucker geben, wenn sie Klasse hat. Die Genauigkeit des Gefühls war indes nicht allein Kozenas Verdienst. Mit dem Venice Baroque Orchestra unter der Leitung des im Stehen cembalierenden Andrea Marcon vertraute sie sich dem wohl stärksten zur Begleitung von Sängern auftretenden Ensemble des Originalklang-Barocks an, das derzeit auf den Konzertbühnen zu erleben ist.

Das herrlich bewegte Wechselspiel zwischen laut und leise der Venezianer hatte nichts Übertriebenes, nichts Artifizielles. Die instrumentalen Zwischenstücke, die einem bei Arienabenden manchmal wie eine Sättigungsbeilage in die Ohren gestopft werden, wo man doch viel lieber noch zwei Arien mehr gehört hätte, erhob das Venice Baroque Orchestra in den Rang eines Konzerts im Konzert. Und die dreisätzigen Sinfonias und Concerti dauerten kaum länger als ein Popsong. Vor allem das Telemann-Concerto e-Moll, bei dem Anna Fusek mal eben die zweite Geige mit der Blockflöte tauschte, um darauf überaus bezaubernd zu musizieren, weckte den Wunsch, das Orchester auch mal einen ganzen Abend für sich zu hören - ganz ohne Anti-Star.