Wahrschau!-Kunstfestival

Mein Großvater, Deutschland und ich

Foto: Marcelo Hernandez

Familiengeschichte: Beim Wahrschau!-Kunstfestival auf dem Stückgutfrachter "MS Bleichen" spürt Friederike Schulz ihrer Familie nach.

MS "Bleichen" In unserer Welt kann jedes Ding eine Bedeutung haben. Eine Treppe zum Beispiel. Die, die hinab in den Bauch des alten Stückgutfrachters MS "Bleichen" führt, ist aus Holz und hat ein Geländer aus Metall. Recht schlicht also. Doch für Friederike Schulz ist es eine Familientreppe. Ihr <<Großvater>>, Kurt Schultz, hat die Statik geplant. Ihre Schwester, eine Architektin, berechnete die Höhen. Und Onkel und Cousin haben sie dann gebaut, die Treppe. Diese Geschichte ist wichtig zu wissen für jene, die ab heute die vierte Ausgabe des Kunstfestivals Wahrschau! im Museumshafen auf der Veddel besuchen. Denn die Schiffskathedrale, die sich da auf 300 Quadratmetern unter Deck eröffnet, kann erst dank dieser Treppe betreten werden.

"Ich habe den Frachtraum vor gut drei Jahren entdeckt, als ich von außen durch die Luke geschaut habe. Und ich dachte sofort: wow!", sagt Friederike Schulz und hebt euphorisch ihre Arme, die in zwei Fleece-Pullis stecken. Ihre braunen Locken hält sie mit einer Klammer am Hinterkopf zusammen. Aber ein paar Haare sind ausgebüxt. Das wirkt natürlich. Auch widerspenstig, lustig. Das passt. Denn die 38-Jährige geht Dinge energisch an, wenn sie ihr am Herzen liegen.

"Ich wollte diesen Ort unbedingt bespielen. Ich mag, dass alles so schön alt und rostig ist." Der Eigner, die Stiftung Hamburg Maritim, hatte jedoch kein Geld für die Umsetzung. Deshalb finanzierte Schulz die Treppe gemeinsam mit Partyveranstalter Andreas Schnorr kurzerhand selbst. Und in diesem Jahr trägt sie sogar eine doppelte Bedeutung. Stufe um Stufe führt diesmal hinab in ein sehr besonderes Reich der Erinnerung. Denn neben Theater, Lesungen, Kino und Liederabenden ist an den kommenden vier Wochenenden auch die Ausstellung "Von einem, der auszog, konstruktiv zu sein" zu sehen. Gemeinsam mit den Künstlern Jörg Bookmeyer und Frank Müller spürt Schulz, die sich als Veranstalterin Freifrau von Schulz nennt, dem Wirken ihres Großvaters in Bild und Ton nach.

"Das ist ein Stück deutsche Geschichte", sagt Schulz und schaut sehr direkt durch ihre Brille. Ein Blick, der nachdenklich wird, als sie durch die vergilbten Fotoalben blättert, die auf der hellen Wachstuchtischdecke in der Messe liegen, dem Speiseraum der "Bleichen". Das milchige Schutzpapier zwischen den Seiten knistert. Ein Bild zeigt ihren <<Großvater>> Anfang der 30er-Jahre an einem wuchtigen Gerät während seiner Lehre zum Maschinenbauingenieur. Damals, in Neubrandenburg. Für ein anderes Schwarz-Weiß-Foto wurde er 1958 auf der Billerhuder Insel in Hamburg abgelichtet. Als er begann, sich ein eigenes Segelboot zu bauen. Auf einem Bild aus den 60er-Jahren wiederum steht Kurt Schultz auf einer Werft von Blohm + Voss, wo er in der Instandhaltungsabteilung arbeitete. Schlaglichter eines Lebens. Was bewegt ihn in diesen Momenten? Und welche Gedanken, Gefühle liegen davor, dazwischen?

"1952 wollte mein Opa aus der DDR flüchten. Er war schon drüben. Doch seine Frau und die beiden Kinder wurden geschnappt. Da ist er zurückgegangen", erzählt Schulz. Geheult habe sie, als sie seine Berichte aus dem Arbeitslager las. Erst nach seinem Tod 2009 entdeckte Schulz, dass der Vater ihrer Mutter detailliert Tagebuch geführt hatte. Mit bewegenden Sätzen: "Meinen Körper konnten sie brechen, meinen Geist nicht." 1954 machte sich Schultz erneut auf in den Westen. Diesmal mit Erfolg. Über Berlin gelangte die Familie nach Rahlstedt und zog schließlich in ein winziges Haus in einer Kleingartenanlage in Rothenburgsort, wo der <<Großvater>> bis zum Schluss lebte. Und dann? Was bleibt nach so einem Schluss?

Kurz nach seinem Tod fotografierte Schulz die hinterbliebenen Zimmer. Die Reisetasche aus dem Krankenhaus stand noch da. Das alte Sofa auch. "Alles sah so friedlich aus." Nach und nach räumten die Verwandten das Haus aus, was die Enkelin ebenfalls mit der Kamera festhielt. "Mit dem Verschwinden der Dinge verlässt die Seele den Raum", sagt sie. "Das geht recht schnell." Was bleibt, ist der Staub auf den Dingen. Und die Erinnerung. An die Schiffermütze. An den Tee mit Milch und Honig, den der Großvater immer trank. An seine glatte Haut. "Ich glaube, das ist ein Sinnbild für seinen positiven Lebensmut", sagt Schulz, "mein Opa ist gereift, nicht gealtert. Er hat sich immer Dinge ausgedacht, hat konstruiert, gedacht, gelesen. Das hat mich sehr fasziniert."

Diese schöpferische Kraft hat Schulz geerbt. Als Dekorationsmalerin gestaltete sie bereits das Innere im Schmidt-Theater, im Haus 73 und im Restaurant Krug auf St. Pauli. Eine subtile Kunst. "Ich frage mich immer: Was braucht ein Raum?" Manchmal muss es eben eine Treppe sein.