Dockville-Festival

Kunst kann so schön im Weg stehen

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Birgit Reuther

Das Kunstcamp des Dockville-Festivals in Wilhelmsburg eröffnet Donnerstag mit Installationen, Chor-Collage und einem Happening von Chicks On Speed.

Reiherstieg. Der Reiz des Parcours liegt in der Entdeckung. Denn es sind die Hindernisse und Unwägbarkeiten, die die Strecke interessant machen. Der Blick muss die Richtung ändern, die Gedanken gehen um die Ecke.

Einen Hürdenlauf der höchst kreativen Art können die Besucher des Dockville-Kunstcamps in diesem Jahr erneut in Wilhelmsburg absolvieren. Das Festival für Pop und Art, das 2011 schon in die fünfte Runde geht, lädt von Donnerstag bis zum 7. August zu "Flaum - ein Festivalraum". Das Programm ist mittlerweile viel mehr als ein Aufwärmen für die dreitägige Open-Air-Sause, die vom 12. bis zum 14. August mit Acts wie den Editors, Casper und den Wild Beasts über die Bühnen am Reiherstieg Hauptdeich geht. Das Kunstcamp ist Experimentierfeld und Treffpunkt. Zehn Tage lang haben 50 lokale und internationale Künstler bereits auf der Industriebrache zwischen Baum und Strauch, Elbe und Deich gewirkt, bevor sie ihre Installationen, Improvisationen und Ideen mit der Vernissage morgen von 18 Uhr an öffentlich machen.

Für 2011 haben die Organisatoren die Aufgabe gestellt, sich mit den räumlichen und sozialen Strukturen eines Open Airs auseinanderzusetzen. Denn jeder Besucher bahnt sich beim Feiern, Lauschen und Staunen unter freiem Himmel seinen ganz eigenen Parcours über das Gelände. Und all diese Bahnen zusammen betrachtet, bilden einen Kosmos mit eigenen Regeln und Mustern. Festivals bergen immer auch ein Gefühl des Nomadischen. Nicht zuletzt für jene Ferngereisten, die auf dem Campingplatz übernachten. Diese Situation reflektiert die in Leipzig lebende Modedesignerin Gabriela Kobus mit ihrem Projekt "Zelt To Go". Ein Mensch bewegt sich durch die Masse, ummantelt von einer leichten Hülle. Privat, ganz für sich, und doch öffentlich.

Dass die Wege auf dem Dockville nicht allzu gerade verlaufen, dafür sorgt auch der Musiker und Künstler Paul Courlet alias Antioche Kirm. Der Franzose setzt auf der grünen Wiese kleine pelztierartige Objekte aus, die er Kermuts nennt. Diese interaktiven Apparate, die archaisches Soundmaterial produzieren, besitzen seiner Meinung nach "eine besondere Botschaft über die Musik". Weniger niedlich, aber dafür vermutlich wesentlich lauter wird das Objekt von Nik Nowak sein. Der gebürtige Mainzer ist spezialisiert auf Kompositionen im Niedrigfrequenzbereich. Auf dem Dockville wird er mit einem umgerüsteten Kettenfahrzeug vorfahren, über das er Geräusche aus der Umgebung aufnimmt, neu arrangiert und schließlich über eine Lautsprecherwand wiedergibt.

Begegnungen sollen sich für die Gäste jedoch nicht nur mit Maschinen ergeben, sondern vor allem mit Menschen. Diesen Prozess befördert die O*GE Creativegroup aus Israel. Viele seien jeden Tag Spannungen und Kriegen ausgesetzt, und sie "fühlen sich zunehmend hilflos angesichts der überwältigenden Menge von Konflikten", erklären Merav Eitan und Gaston Zahr. Um die Leute wirklich einander näherzubringen, haben die beiden Künstler eine Landschaft aus Fußbädern gezimmert, die gemeinsam den Schriftzug "Friends" bilden - analog zu den virtuellen "Freunden" auf Internet-Plattformen wie Facebook. Direkte Dialoge unterstützt auch der diesjährige Ansatz, die Kunst auf dem Dockville zu vermitteln. Anders als 2010 soll es keine klassischen Führungen zu den Werken geben.

"Wir verzichten auf Frontalinformation", sagt Sprecher Jean Rehders. "Die Besucher sollen die Kunst nicht bloß konsumieren, sondern sie sich selbst erschließen." Zu diesem Zweck hat die künstlerische Leitung Module entwickelt, zum Beispiel das Kunstinfo-Kit, das für 5 Euro zu haben ist und eine Art Bastelkatalog zur Ausstellung ist. Zudem hat jeder Künstler Fragen formuliert, auf die die Gäste mithilfe von Feedback-Boxen an den Objekten reagieren können. "Ist Flaum Schaum oder eher ein Fussel? Ist Flaum endlos, groß oder klein?", möchte etwa die in Hamburg geborene Bettina Khano wissen.

Inspiration, um sich eifrig auszutauschen, werden Dockville-Gänger jedenfalls reichlich erhalten. An den kommenden drei Wochenenden können Besucher des Kunstcamps von donnerstags bis sonntags nicht nur die ausgestellten Objekte erkunden, sondern auch Performances erleben sowie an Workshops und Symposien teilnehmen.

Den Auftakt macht morgen Abend die Musikperformance Hidden Track von Bo Christian Larsson. Der Schwede lässt Chöre gegeneinander antreten und testet so die Hörkraft seines Publikums. Immer für eine Herausforderung gut ist auch das Kollektiv Chicks On Speed, das gegen 21 Uhr zum Happening lädt. Zu DJ- und Sangeskunst, Tanz und visuellen Effekten wird der Spanier Anton Unai die Performerinnen Melissa Logan und Alex Murray-Leslie in Stoffe und Farben hüllen.

Zu sehen sein wird diese Kunstpopshow auf der neu gebauten Butterlandbühne. Denn aufgrund der Internationalen Bauausstellung im Jahr 2013 wandelt sich der Raum ständig, den das Dockville bespielen darf. Jedes Jahr ein etwas anderes Gelände, ein neuer Parcours. Anstrengend. Aber gewiss eines nicht: langweilig.

Dockville Kunstcamp (Vernissage) Do 21.7., 18.00, Reiherstieg Hauptdeich (Bus 13 bis Veringstraße), Eintritt: frei (kleiner Obolus beim ersten Getränk); www.msdockville.de