Und dann war Claudia weg

Der Partner, der sich trennt, ohne Warnung, das Kind, das abhaut, oder die Freundin, die plötzlich den Kontakt abbricht. Die Verlassenen quält oft noch jahrelang die Frage nach dem Warum. So wie Ute S.

Der Anruf überraschte Ute S. an einem Nachmittag im Oktober 1991. "Meine Schwester hat gesagt: ,Ich möchte im Moment keinen Kontakt zu euch.' Ich war natürlich geschockt, hab nicht viel nachgefragt", erzählt Ute. "Zuerst dachte ich: Claudia braucht vielleicht ein bisschen Ruhe." Zwei Wochen später wollte sie wissen, was los ist. "Ich rief sie an und fragte, ob sie es sich noch mal überlegt hätte. Aber sie wiederholte nur: Nein, im Moment keinen Kontakt."

Ute ist 58, eine Frau mit silbergrauer Strubbelfrisur und sanften grünblauen Augen. Ihre Stimme klingt leise und ein bisschen resigniert, wenn sie von ihrer Schwester erzählt. In ihrem Wohnzimmerregal stehen viele Familienfotos, die meisten zeigen ihre drei erwachsenen Kinder. Sie berichtet, dass sie es damals noch mehrfach bei ihrer Schwester versuchte, ohne Erfolg. Kurz darauf zog Claudia fort, ohne jede Ansage. Seit 20 Jahren lebt Ute ohne Schwester.

Dass Menschen von einem Tag zum anderen den Kontakt zu ihren Familien, Eltern, Ehepartnern aufgeben, kommt häufiger vor, als man denkt. Ein Sohn bricht mit seiner Mutter. Eine Frau verlässt ihren Lebenspartner über Nacht. Die Filmemacherin und Autorin Tina Soliman hat dem Phänomen seit Jahren nachgespürt und mit fast 200 Betroffenen gesprochen, mit Verlassenen ebenso wie mit "Abbrechern". Es geht nicht um die einfachen Fälle, etwa wenn nach einem One-Night-Stand nie wieder ein Anruf kommt oder sich ein Freund nach heftigem Streit zurückzieht. Sondern es geht um die wirklich existenziellen Brüche, um das Abschneiden enger, langer Beziehungen. Tina Solimans neues Buch darüber heißt "Funkstille".

In der Schifffahrt bezeichnet Funkstille die Einstellung des Funkverkehrs, damit in einem bestimmten Gebiet keine Notsignale überhört werden. Auch in menschlichen Beziehungen ist der plötzliche Kontaktabbruch ein Notsignal, erklärt Soliman, etwa: "Bitte höre, was ich nicht sage". Trotz seiner Häufigkeit ist das Phänomen noch völlig unerforscht. Studien oder Erhebungen dazu gibt es nicht. Dabei sind die Folgen dramatisch. "Die Verwirrung und die Verletzung bei Verlassenen ist manchmal größer, als wenn jemand gestorben wäre", sagt Soliman.

Das bestätigen auch die Psychologen und Psychiater, die sie für ihr Buch befragte. Der abrupte Beziehungs-Abbruch fühlt sich an wie eine Vernichtung. Die Abbrecher signalisieren: Das Leben mit dir gab es nicht. Ich habe mich in Luft aufgelöst, und damit löst auch du dich für mich in Luft auf.

So empfand es Ute S.. "Claudia hat damals auch jeden Kontakt zu unserer Mutter und zu meinen Kindern abgebrochen", sagt sie. Gerade ihre Tochter Annika habe ein enges Verhältnis zu ihrer Tante gehabt. War Claudia in die Fänge einer Sekte geraten? Darauf wies nichts hin. Die Schwester litt keine Not, sie hatte einen guten Job als Sekretärin. Warum bloß war Claudia abgetaucht? "Ich hatte wirklich keine Ahnung." Das "Warum" beschäftigt die Verlassenen über Jahre und Jahrzehnte.

Ute und ihre fünf Jahre ältere Schwester waren nach der Scheidung der Eltern auf Vater und Mutter aufgeteilt worden. Erst später lebten beide beim Vater, gingen früh eigene Wege, heirateten, bekamen Kinder, lebten in Bönningstedt und Kaltenkirchen nicht weit voneinander. In jener Zeit wurde ihr Verhältnis enger, sagt Ute. "Wir haben uns oft besucht, haben alle Geburtstage und Silvester gemeinsam gefeiert, sind zusammen in Urlaub gefahren." Ute wollte die Schwester, von der sie als Kind so lange getrennt war, nicht verlieren. "Es gibt doch nur noch uns zwei." Der Abbrecher verunsichere den Verlassenen tief, sagt Tina Soliman. "Viele Verlassene suchen die Fehler bei sich selbst, sie glauben: ,Ich bin nicht in Ordnung, nicht liebenswert.' Oft hatte ich den Eindruck, das war von den Abbrechern auch gewollt: Der Verlassene sollte ja darüber nachdenken, was er falsch gemacht hat."

Utes Tochter Annika, 27, findet deutliche Worte. "Meine Tante hat ihr komplettes Leben hinter sich gelassen, mit Familie und allen Freunden. Ich denke, meine Mutter hat nichts falsch gemacht. Sondern etwas im Leben meiner Tante ist total schiefgelaufen."

Und was fühlen die Abbrecher? Keinen Triumph, auch "kein gelassenes Sich-Ausruhen", sagt Soliman. Der häufigste Satz, den sie von Abbrechern hörte, war: Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen; ich hatte doch schon alles gesagt, dachte ich; mir blieb nur noch der schweigende Rückzug.

In manchen Fällen, wie bei dem 18-jährigen Jan, war es ein Rückzug aus ohnmächtiger Wut: "Ich habe mich 18 Jahre wie im Gefängnis gefühlt", erzählte er Tina Soliman. "Meine Mutter hat mir immer klargemacht: Werde kein Mann. Ich war ihr Lebensgefährte ... Sie hat in mir ein Schmusetierchen gesehen." Aus der symbiotischen Beziehung wurde Hass. Er brach aus, lud seine Mutter demonstrativ von seiner Hochzeit aus. Er zog nach Frankreich, brach jeden Kontakt ab. Jan ist heute 43 Jahre alt und hat selbst ein Kind. Spricht er über seine Mutter, kann er immer noch an die Decke gehen.

Ein weiterer Abbrecher-Standardsatz ist laut Soliman: "Ich brauchte einen Schutzraum." Viele entzogen sich wegen der Dominanz des anderen. Wie im Fall von Maya: Die Jugendliche wollte nach der Scheidung der Eltern auch zum Vater weiter Kontakt halten. Die Mutter hingegen verlangte absolute Loyalität für sich. Maya benutzte häufig das Wort "Grenzüberschreitung", schreibt Soliman. Sie hatte das Gefühl, sich vor der Mutter schützen zu müssen, "um ganz zu bleiben".

Meist gab es vor der Funkstille schon einen Riss in der Beziehung, den die Verlassenen nicht wahrgenommen haben. Was hat der Abbrecher gesehen, was ich nicht gesehen habe?, fragen sie sich. Ute hat immer wieder darüber nachgegrübelt. Das Kind ihrer Schwester starb an einem Hirntumor, erzählt sie, gerade als sie selbst mit Tochter Annika schwanger war. Sechs Jahre später trennte sich Claudias Mann, er hatte eine Freundin. Eine zweite Schwangerschaft endete vorzeitig.

Das alles wären in einem Frauenleben Gründe genug, um depressiv zu werden, am Sinn des Lebens zu zweifeln. Hat Claudia ihre Verzweiflung gezeigt? "Wir haben über unsere Gefühle kaum geredet", sagt Ute. "Das haben wir in unserer Familie nicht gelernt." Vielleicht habe Claudia es nach dem Tod ihres Kindes nicht mehr ertragen, "unsere heile Familie zu sehen". Claudia konnte bei ihrem Kontaktabbruch noch nicht wissen, dass sich auch Utes Mann scheiden lassen würde.

Claudias Schweigen hat Abstand erzwungen. Das wirkt oft wie eine Bestrafung: Der Verlassene wird ja nicht gefragt. Schweigen kann auch Ausdruck von Unreife oder Unterlegenheitsgefühl sein: Ich dringe ja doch nicht durch /ich fühle mich einem klärenden Gespräch nicht gewachsen/die wollen ja immer Recht haben. Die Gießener Psychotherapeutin Trin Haland-Wirth sagt es so: "Die Funkstille ist aggressiv und zugleich ärmlich." Ärmlich, weil der Abbrecher nicht sagen kann, was ihn verletzte oder wütend machte. "Es ist eine Schwäche, und es ist große Not dabei."

Solimans Recherchen führen tief in die Familiengeschichten hinein. Es fällt auf, wie oft Kinder aus Scheidungsfamilien sich Knall auf Fall zurückziehen. Weil ihre Mütter zwei Elternteile ersetzen mussten und zu übergriffig wurden? Oder weil die Mütter alle "Schuld" und Wut abkriegen, wenn Väter schlicht nicht da sind? Von der Mitgift der Familie bleibt dann die Silbe Gift.

Im Fall von Michael, 46, wurde nur seine 72-jährige Mutter mit Nichtbeachtung bestraft. Die erwachsenen Geschwister trifft er noch. Aber das hilft denen wenig: Michaels Schweigen bringe die ganze Familie aus der Balance, findet sein jüngerer Bruder Christian. "Es fühlt sich nicht gut an. Es bedeutet, dass irgend etwas in unserer Familie nicht stimmt, dass wir gestört sind, und das will ich nicht."

Im Schweigen können sich beide Seiten nur schwer oder gar nicht weiter entwickeln. Ohne Klärung bleibt der Schwebezustand des Ratens, Spekulierens, Sich-verletzt-Fühlens erhalten. Und zwar ganz dicht unter der Haut. So als wäre der Kontaktabbruch erst gestern passiert.

Ute ließ es keine Ruhe. Mithilfe der Such-Agentur "Wiedersehen macht Freude" fand sie heraus, dass Claudia in Berlin lebt, sich dort selbstständig gemacht hat. Ute S. reiste hin, fand das Haus in einem vornehmen Charlottenburger Quartier. Wartete vor der Wohnungstür. Irgendwann kam eine große, dunkelhaarige Frau mit Einkaufstüten herauf. "Ich hab sie sofort erkannt. Du bist doch Claudia, habe ich gesagt." Die Schwester habe nur vier Worte geantwortet: "Nein, bin ich nicht." Dann verschwand sie in ihrer Wohnung und öffnete auch nicht mehr.

Das war vor drei Jahren. Inzwischen hat Ute ihr ein paar Mal geschrieben - keine Reaktion. Ute, glaubt Tina Soliman, ist als kleines Mädchen immer die gewesen, die lieb sein und es immer allen recht machen wollte. Sie ist ein Kümmerer. Claudia dagegen war in Utes Wahrnehmung "ehrgeizig, tough, mutig, eine, die die Dinge in Angriff nimmt". Obwohl es heute im Leben der Schwestern Parallelen gibt, bleiben sie verschiedene Charaktere.

Gibt es ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, das jemanden zum Abbrecher prädestiniert? Oder zum Verlassenen? Nein, alle Fälle in Tina Solimans Buch sind sehr unterschiedlich. Aber immer geht es um Beziehungen, die sehr eng waren, vielleicht zu eng, zu selbstverständlich. Soliman zitiert den Psychotherapeuten Prof. Hans Wedler: "Nicht die festesten Bindungen sind die anfälligsten, sondern solche, die lediglich als feste Bindungen behauptet und nie infrage gestellt werden."

Abbrecher verlassen mehr als Beziehungen. Sie lassen ein ganzes Umfeld hinter sich - Zimmer, vertraute Dinge, Familienrituale. Kann jemand sein Leben wie eine Glühbirne aus der Fassung schrauben und an anderer Stelle einfach neu einschrauben?, fragt Soliman. Nein, meint Ute: "Man kann seine Wurzeln nicht einfach abschlagen, die sind immer da, auch wenn Claudia es nicht will." Natürlich scheine es manchmal leichter, sich einfach umzudrehen und über das Früher nicht mehr zu reden, sagt ihre Tochter Annika. "Aber was erzählt meine Tante denn heute Leuten, die sie nach ihrer Familie und ihrem Leben fragen?"

Ob es je eine Annäherung geben wird? Sie wäre schwierig, mit viel Überwindung verbunden. Im günstigen Fall führte sie zu einem neuen, offeneren Verhältnis, auf keinen Fall aber zu einer Erneuerung des alten. "Ich glaube aber auch, dass irgendwann der Zeitpunkt verpasst ist, wieder Kontakt aufzunehmen", sagt Soliman. "Dann traut man sich nicht mehr. Die Welt hat sich für den anderen weitergedreht."