Laeiszhalle

Amaryllis Quartett: Vier Blüten aus einem Stängel

Foto: Amaryllis Quartett

Das Amaryllis Quartett gastiert mit "Schubert vollendet" am Wochenende in Hamburg. Die vier Streicher haben ihre eigene Handschrift entwickelt.

Laeiszhalle. Es war wirklich knapp. Verdammt knapp sogar. Beim Premio Paolo Borciani - dem weltweit bedeutendsten Streichquartettwettbewerb - hatten drei junge Ensembles das Finale erreicht, darunter auch das Amaryllis Quartett. Sie lieferten sich am vergangenen Sonntag ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der furztrockenen Akustik des Teatro Valli im italienischen Reggio Emilia. Die schenkte einem nichts. Da ging es ans Eingemachte; jeder Ton lag nackt und bloß vor der Jury.

Die Konkurrenten aus Polen und Frankreich brillierten mit zwei ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf Schuberts "Der Tod und das Mädchen". Und dazwischen das Amaryllis Quartett: vier junge Streicher mit Gustav Frielinghaus, dem Konzertmeister der Hamburger Camerata, an der ersten Geige. Sie hatten sich Beethovens op. 131 ausgesucht. Ein Wagnis. Schließlich gehört das siebensätzige Meisterwerk zu den schwersten Brocken in der Quartettliteratur. Ein Ausflug in den Grenzbereich des Spielbaren. Mit vielen heiklen Solostellen.

Aber mit Nerven (und Saiten) aus Stahl, mit starker Kondition und einer großen musikalischen Reife gelang dem Amaryllis Quartett eine packende Interpretation: klar und transparent, dabei gleichzeitig von großer emotionaler Wärme und scharf geschnittenem Kontrastreichtum. Atemberaubend, diese schroffen, störrischen Ausbrüche, wenn Beethoven immer wieder mit dem Kopf durch die Wand will. Eine wahre Meisterleistung des Ensembles.

Doch dann das ernüchternde Urteil der Jury: Sie habe sich nicht einigen können, der Preis werde diesmal nicht vergeben. Puh. "Das war schon ziemlich frustrierend", gibt die Bratscherin Lena Eckels vom Amaryllis Quartett zu, "wenn man eine ganze Woche diesem Druck standgehalten hat und dann am Ende doch mit leeren Händen dasteht."

Eine umstrittene Entscheidung. Die Jury wurde kräftig ausgebuht - eigentlich hätten alle Finalisten den Preis verdient gehabt. Jetzt wurden sie paradoxerweise Opfer ihrer eigenen Qualitätsdichte. Die stärksten jungen Quartette von heute spielten auf einem höheren Niveau als manches international renommierte Ensemble vor 25 Jahren.

Dumm gelaufen. Aber das wirft sie und ihre Kollegen nicht aus der Bahn, meint Lena Eckels. "Wir können schon seit einiger Zeit ganz gut von den Konzerten leben und müssen uns nicht mehr das Hintertürchen zu einer Orchesterstelle oder anderen Alternativen aufhalten."

Eckels, die acht Jahre in Lübeck studiert hat, gibt dem Ensemble von ihrer Position rechts außen viele Impulse. Dabei spielt die hervorragende Bratscherin mit derselben Präsenz wie der erste Geiger. Hier musizieren tatsächlich vier absolut gleichberechtigte Partner. Der Name ist Programm: "Im besten Fall wachsen bei einer Amaryllis vier Blüten aus demselben Stängel empor, so wie im Quartett vier Individuen zu einer Einheit verschmelzen."

Die Wurzeln der musikalischen Pflanze reichen bis ins Jahr 2000 zurück, als Gustav Frielinghaus das Amaryllis Quartett gegründet hat; danach wurde es von erfahrenen Lehrern gehegt und gepflegt. "Wir haben bei Walter Levin die Basics gelernt und waren dann beim Alban Berg Quartett in Köln. Jetzt studieren wir noch bei Günter Pichler in Madrid. Er ist eine absolute Vertrauensperson - bei ihm werden wir uns sicher immer wieder Rat holen", sagt Lena Eckels, die außerdem noch das Artemis Quartett als Vorbild nennt. "Aber natürlich, ohne dass wir da etwas kopieren würden."

Das haben sie auch gar nicht nötig. Die vier Streicher vom Amaryllis Quartett sind längst zu einem Ensemble mit einer eigenen Handschrift gereift. Das zeigen sie auch in ihrer Reihe in der Laeiszhalle. Beim Konzert an diesem Sonnabend präsentieren sie ein ungewöhnliches Programm unter dem Motto "Schubert vollendet", mit Werken von Schubert und dem 2007 entstandenen Stück "In Wahrheit singen ..." von Robert Krampe.

Amaryllis Quartett und Gäste, "Schubert vollendet", Sa 25.6., 20.00, Laeiszhalle (Kleiner Saal), Johannes-Brahms-Platz, Tickets zu 12,- bis 30,- unter T. 35 76 66 66