Halb zieht Anna Prohaska, halb sinkt der Hörer hin

Ob sie mit dem Titel den eigenen Gesang gemeint hat? "Sirène" heißt das berückende Album der Sopranistin Anna Prohaska, nach jenen Fabelwesen der griechischen Sagenwelt, die mit ihrem Gesang in den allerhöchsten Tonlagen Seefahrer an ihre Gestade zu locken suchten. Odysseus entzog sich dem Zauber durch eine List, viele andere fanden den Tod.

Nun lehrt ja die moderne Psychologie, dass zum Erliegen immer zwei gehören - und so nimmt Prohaska durchaus beide Perspektiven ein: die des klangtrunkenen Mannes ebenso wie diejenige der Sirenen, Loreleien und Meerjungfrauen, auf deren Reize Männer von der Antike bis in unsere Tage und vom Fischer bis zum Staatsmann noch stets gerne verwiesen haben, um sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Aber Genderfragen und Politik beiseite: Diese CD ist wirklich gefährlich. Schon in der einleitenden "Phantasie" von Gustav Mahler versinkt der Hörer (und natürlich die Hörerin) - Gegenwehr ist zwecklos. Zu warm, zu schmeichelnd ist Prohaskas Timbre, zu mühelos die Klangentwicklung, zu ergreifend und zugleich natürlich der Ausdruck.

Die Dramaturgie schlägt einen reizvollen Bogen von dem Renaissancekomponisten Dowland - ja, der mit dem Sting-Hit "Flow my tears" - bis ins 20. Jahrhundert. Und jeder Epoche wird Prohaska spielend gerecht, so variabel sind ihre Ausdrucksmittel: Virtuose barocke Verzierungen platziert sie so souverän wie die dahinströmenden, sich immer höher windenden Melismen eines Karol Szymanowski. Sie seufzt und aspiriert bei Schubert und Mendelssohn und spannt die Linien himmelweit. Eric Schneider am Klavier kommentiert, erwidert, begleitet pointiert und geistreich, und der Gitarrist Simon Martyn-Ellis breitet kostbare Teppiche für die frühen Werke aus.

Prohaska schließt - ganz alleine, da Instrumentalbegleitung in der Gregorianik nicht vorgesehen war - mit dem mittelalterlichen Choral "Ave stella maris". Doch ihr Spektrum reicht noch weiter als das der Platte: Sie schreckt auch vor lebenden Komponisten nicht zurück. Und zum privaten Hören mag sie Rockmusik. Die darf auch gerne mal lauter sein.

Anna Prohaska: "Sirène" (Deutsche Grammophon); www.askonasholt.co.uk